Wellenbrecherlockdown

Leute, reden wir über Hedonismus. Und über die armen Gastronomen, die ich allerdings nicht alle über einen Kamm scheren möchte.

Gestern war ich mit meinem jüngsten Sohn in der Bielefelder City unterwegs. Seine Corona-Frise brauchte ein dringendes Update, dass keinen Aufschub duldete. Im Anschluß des Haarschnitts beim Friseur unseres Vertrauens, der die Hygienemaßnahmen vorbildlich umsetzt, stellte sich Hunger ein. Und was kommt bei einem Grundschulkind besser an als Mac Donalds? Also steuerten wir die Filiale am Jahnplatz an, um uns einen Burger auf die Hand zu holen.

Als wir die Filiale betraten, traf mich schier der Schlag. Der Laden war bis auf den letzten Platz belegt. Gesperrte Plätze gab es keine. Zwischen den Sitzgruppen hatte man halb hohe Plexiglas-Scheiben installiert und es gab zwei Desinfektionsmittelspender. Und hier endet bereits die Aufzählung der getroffenen Hygienemaßnahmen. Die Luft war warm und feucht, fast stickig. Alle redeten laut, weil es so voll war. Ich zählte an die 50 Gäste. Hinzu kamen die Kunden wie ich, die nur was zum Mitnehmen bestellten. Hinzu kamen noch die Mitarbeiter, ca. 10 an der Zahl. Also hielten sich alles in allem in dieser eher kleinen Filiale an die 70 Personen auf.

Kontaktlisten wurden keine erhoben.

Wir mussten 15 Minuten auf unsere Bestellung warten und umso länger ich dort stand und versuchte, irgendwie zu anderen Gästen Abstand zu halten, was kaum möglich war, stieg in mir zunehmend die Wut hoch. Auf den Punkt gebracht: Dort herrschte präpandemaler Normalbetrieb. Auf die Plexiglasscheiben sei geschissen. Die verhindern höchstens, dass der Sitznachbar mich mit Ketchup bekleckert. Vor Aerosolen hat dort mal rein gar nichts geschützt. Wer bitte hat dieses Konzept, das Hygienekonzept zu nennen sich verbietet, genehmigt?

Auf dem Rückweg zum Auto kamen wir an einem Friseurladen vorbei. Der Inhaber schnitt, von außen gut erkennbar, einem jungen Mann die Haare. Sein MNS trug der Friseur dekorativ am Kinn, Nase und Mund lagen frei. An diesem Geschäft bin ich schon öfters vorbeigelaufen und jedes Mal war das so. Niemals sah ich, dass der MNS vom Personal korrekt getragen wurde. Dieser offensichtliche vorsätzliche und permanente Verstoß gegen die Hygienerichtlinien findet quasi unter den Augen der Obrigkeit statt, liegt doch die Stadtwache direkt gegenüber. Man muss also annehmen, dass der Ladenbesitzer keine Kontrolle befürchtet und diese wahrscheinlich auch noch nie stattgefunden hat.

Ein ähnliches Erlebnis hatten wir vor Wochen bei einem Spaziergang. Wir kamen an einem griechischen Restaurant in der Nachbarschaft vorbei und staunten nicht schlecht, was da los war. Alle umliegenden Straßen waren von Besuchern der Lokalität zugeparkt und das Gasthaus war rappelvoll. Wie zu alten Zeiten. Wüssten wir nicht von der Pandemie, wir hätten keinen Unterschied bemerkt.

Solche Beispiele kann sicherlich jeder zum besten geben, der mit offenen Augen durch die Stadt läuft. Business as usual war zum Schluß angesagt.

Und genau das ist der Grund, warum dieser Wellenbrecher-Lockdown unter anderem auf genau diese Lokalitäten und Freizeiteinrichtungen abzielt. Es hatte sich längst wieder Normalbetrieb eingestellt. Die Hygienemaßnahmen waren allenfalls ein Feigenblatt und sollten Sicherheit vortäuschen, wo es de facto keine gab. Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel. Die vorbildlichen Kneipenbesitzer und Restaurantbetreiber müssen jetzt mit ausbaden, was ihre Kollegoiden angerichtet haben.

Doch die Nachlässigkeiten der Gastronomieszene sind nicht die einzigen Treiber der exponentialen Infektionszahlen. Kommen wir zum Begriff des Hedonismus.

Hedonismus (von altgriechisch ἡδονή hēdonḗ, deutsch ‚Freude, Vergnügen, Lust, Genuss, sinnliche Begierde‘;[1] Wortbildung mit dem Suffix-ismus) bezeichnet zumeist eine philosophische bzw. ethische Strömung, deren Grundthese lautet, dass einzig Lust bzw. Freude und die Vermeidung von Schmerz bzw. Leid ihre Wirkung intrinsisch entfalten. Im Gegensatz zu dem philosophischen Verständnis wird im alltagssprachlichen Gebrauch mit dem Begriff Hedonismus häufig eine nur an momentanen Genüssen orientierte egoistische Lebenseinstellung bezeichnet. In diesem Sinne wird der Begriff Hedonismus oft abwertend gebraucht und als Zeichen der Dekadenz interpretiert. Unter der Bezeichnung „psychologischer Hedonismus“ wird tatsächlich verstanden, dass der Mensch im Allgemeinen einzig nach Lust bzw. Freude strebt.

– Wikipedia

Der Hedonist der heutigen Zeit ist meist jung, so zwischen 16 – 30 und will Party machen. Mit der Attitüde „Mir doch egal!“ wird die Coronapandemie klein geredet. Man lebt nur einmal und schließlich ist der Verlauf bei jungen Menschen meist mit geringeren Symptomen und weniger Komplikationen charakterisiert. Was soll also passieren…

…außer, dass man seine Eltern oder Großeltern ansteckt? Dass man das Virus durch sein unverantwortliches Treiben in die Breite trägt? Dass die Gesundheitsversorgung in die Knie geht und wir am Ende triagieren müssen, wer ein Intensivbett bekommt und wer nicht? Wir am Ende den jungen verunfallten Autofahrer nicht adäquat versorgen können, weil die Ressource schlicht fehlt?

Schon im ersten Lockdown saßen die jungen Leute hinter dem Haus auf dem Spielplatz, jeden Frühlingsabend, Alkohol saufend, schreiend, lachend, am Party machen mit lauter Musik aus der mitgebrachten Bluetooth-Box. Ja, ich kann das auch verstehen. Ich war auch mal jung und wenn ich überlege, was ich wohl getan hätte, dann komme ich zu dem Schluß: Dasselbe. Ich hätte wahrscheinlich auch Party gemacht. Aber das soll keine Entschuldigung sein, denn auch zu meiner Zeit wäre es dann völlig in Ordnung gewesen, dafür einen zwischen die Hörner zu bekommen.

Und offensichtlich geht es so weiter wie bisher und viele werden ihr Verhalten nicht anpassen.

Kommen wir zu Großhochzeiten, Beerdigungen und Kindergeburtstagen aus allen Kulturkreisen, die in der letzten Zeit allzu oft zu Superspreader-Events mutierten und die Infektionslage massiv angeheizt haben. Ich möchte ganz deutliche Worte finden: Es interessiert mich in diesem Fall nicht, wie wichtig die Familienehre ist und welche familiären Verpflichtungen dahinterstehen. Wenn euer Blut wirklich dicker als Wasser wäre, dann würdet ihr aufeinander aufpassen und die Alten wirkliche ehren, indem ihr sie beschützt und darauf achtet, dass sie nicht krank werden und schlimmstenfalls an Covid-9 versterben. Es ist für uns alle nicht leicht und viele Hochzeiten sind dieses Jahr ausgefallen und verschoben worden. Viele Geburtstage wurden nicht gefeiert. Auf vielen Beerdigungen waren nur die engsten Verwandten und niemand, der Trost spenden konnte. Wir leben mitten in einer globalen Naturkatastrophe und das Virus verzeiht keine Nachlässigkeiten. Auch nicht die geringste. Gnadenlos frisst es sich durch unsere pluralistische Gesellschaft. Wir werden diese Pandemie nur dann in den Griff kriegen, wenn wir uns wirklich alle an die Regeln halten und an einem Strang ziehen.

https://www.sueddeutsche.de/wissen/covid-19-sars-cov-2-intensivbetten-todesfaelle-lockdown-welle-wellenbrecher-1.5100285

In obigen Artikel wird beschrieben was passiert, wenn man die Infektion einfach so weiterlaufen lässt. Lesen und verstehen. Es passiert bereits, bei unseren Nachbarn in der Schweiz, in Belgien, in den Niederlanden.

Viele Nachlässigkeiten, fehlende Kontrollen und eine fehlende Awareness für die Gefahren der Pandemie haben uns nun den Abgrund geführt. Der Wellenbrecherlockdown kommt hoffentlich noch rechtzeitig. Die Menschen müssen jetzt aufwachen. Mit viel Glück kriegen wir die Kurve.

Wenn wir Pech haben, ist es bereits zu spät.