Manifest

Wir sind mitten drin in der und scheinbar für viele verblüffend harten zweiten Welle der Corona-Pandemie. In den Nachbarländern implodiert ein Gesundheitssystem nach dem anderen. Belgien, die Niederlande, Frankreich, fast die meisten Visegrád -Staaten ächzen unter dem Ansturm behandlungspflichtiger Patienten. Österreich steht kurz vor einem durchgreifenden Lockdown mit Ausgangssperren rund um die Uhr. Das öffentliche Leben wird dort für die nächsten Wochen radikal runtergefahren. Rien ne va plus.

Eine Vielzahl von Menschen haben seit Monaten davor gewarnt. Virologen, Mediziner, Epidemiologen, Politiker wie Prof. Lauterbach, um nur einen exemplarisch zu nennen. Gehört wurden wir nicht. Es wurde beschwichtigt, es wurde relativiert. Gebetsmühlenartig wurden die beruhigenden Zahlen verfügbarer Intensivbetten wieder und wieder genannt.

https://www.rtl.de/cms/zweite-corona-welle-in-deutschland-virologen-warnen-vor-leichtsinnigem-verhalten-4584860.html

https://www.dnn.de/Region/Mitteldeutschland/Warnung-vor-zweiter-Welle-Leipziger-Forscher-empfehlen-massvolle-Lockerung

Während der heranrollenden ersten Welle der Pandemie konnten die Kliniken auf die Unterstützung der Politik setzen. Finanzierungspakete wurden geschnürt, freigehaltene Betten für Covid-Patienten gesondert vergütet. Dieses Stabilitätsnetz machte es Krankenhäusern leicht, das erlösrelevante Elektivgeschäft zu stoppen und sich stattdessen auf einen Ansturm von an Covid-19 erkrankten Menschen vorbereiten. Die riesige Welle blieb, auch dank des passageren Lockdowns, weitestgehend aus. Zu einer Überlastung des Gesundheitssystems kam es glücklicherweise nicht.

Doch im Hintergrund gärte es bei den Geschäftsführern der deutschen Klinikwelt. Denn es kristallisierte sich allmählich heraus, dass die Ausgleichszahlungen nicht ausreichen, um die Verluste, die durch Leerstand entstanden sind, auszugleichen. Nach Aufhebung des Lockdowns und unter dem Eindruck sinkender Infektionszahlen fuhren die Krankenhäuser ihren Betrieb wieder hoch. In den OP-Sälen dieser Republik wurde von nun an nächtelang durchoperiert. Es galt, den monetären Rückstand der letzten Monate mit allen Mitteln aufzuholen. Die Lockerungskönige des Landes, diese Laschets und Streecks sahen das gerne. Zurück zur Normalität war die Losung. Leben mit dem Virus, und das bitte mit so wenig Einschränkungen wie möglich. Reisen, Sport, Essen gehen, Freunde treffen, das war alles wieder zu machen. Doch Corona schlief nicht, sondern schlich sich tiefer in der Gesellschaft, nahezu unbemerkt. Es verteilte sich kriechend in der gesamten Breite der Bevölkerung.

Dann, mit dem Herbst verlagerten sich die Veranstaltungen zunehmend nach drinnen. Damit brach die zweite Welle los.

Ich darf sagen, es ist katastrophal. Die Zahl an Covid-Patienten ist rasch gestiegen und hat das Personal, vor allem das der Pflege, in kurzer Zeit an den Rand der Dekompensation gebracht. Immer mehr Beschäftigte des Gesundheitssystems stecken sich selber an und erkranken. Ich will hier zu diesem Zeitpunkt mit einem Trugschluss aufräumen, der breit in der Bevölkerung kursiert: Die angeblich hohe Zahl asymptomatischer oder milder Verläufe einer Infektion mit SARS-CoV-2.

Die asymptomatischen oder milden Verläufe treffen eher auf die Kinder und Jugendlichen zu, nicht auf Erwachsene. Studien zeigen, dass bis zu 62% der Kinder und Jugendlichen sogenannte kreuzreaktive Antikörper gegen SARS-CoV-2 in sich tragen. Die haben sie bei vorangegangenen Infektionen mit einem oder mehreren der bekannten Corona-Erkältungsviren entwickelt. Bei Erwachsenen ist der Anteil an Trägern dieser Antikörper deutlich geringer. Diese kreuzreaktiven Antikörper verhindern aber nicht zwangsläufig eine Infektion, sondern mildern diese ab. Schwere Verläufe entstehen erst gar nicht. Somit ist der Infizierte möglicherweise für eine Weile infektiös für andere und kann eine Infektionskette initiieren, beklagt jedoch nur minimale bis keine nennenswerten Symptome.

Aus der eigenen Erfahrung mit den Ausbrüchen in unserer Klinik kann ich sagen: Die allermeisten Erwachsenen sind deutlich symptomatisch. Bei nahezu allen liegen signifikant grippale Symptome vor. Bei vielen stellt sich in kurzer Zeit eine Dyspnoe ein. Die meisten sind ausgeprägt schlapp, leiden unter einer sogenannten Fatigue. Wir reden hier von Personen zwischen Ende 30 bis 65 Jahren.

Bis heute kam seitens der Politik nicht das kleinste Zeichen, dass eine erneute finanzielle Unterstützung der Kliniken und die Anordnung eines sofortigen Stopps sämtlicher elektiven Eingriffe und die Reduzierung der medizinischen Leistungen auf das Notwendigste auch nur angedacht wird. Man lässt die Krankenhäuser allem Anschein nach unreguliert und ungebremst gegen die Wand fahren. Es wird scheinbar den Geschäftsführungen und Vorständen die Steuerung der Titanic überlassen. Und der Eisberg liegt unmittelbar vor uns und ein Crash ist unausweichlich.

Doch statt konsequent zu reagieren und mit einer harten Vollbremsung den Einschlag zumindest so weit wie möglich abzufedern, schlägt die Politik andere Töne an:

Kaum hatte es der Gesundheitsminister angedacht und ausgesprochen, kamen immer mehr Politiker und Funktionäre aus den Löchern gekrochen und stießen in dasselbe erbärmliche Horn, zuletzt Dirk Heinrich, Bundesvorsitzender des Verbandes der niedergelassenen Ärzte Deutschlands: An Covid-19 erkrankte Kolleg*innen müssen, wenn Not herrscht, weiter am Patienten arbeiten. Wohlbemerkt kommen diese Vorschläge zu einer Zeit, an der in den meisten Krankenhäusern noch elektiv operiert wird.

Dabei wird bewusst nicht unterschieden zwischen asymptomatischen und symptomatischen Kolleg*innen. Soweit es der Gesundheitszustand zulässt, möge man dann unter Vollschutz und vollzeitig Covid-19 Patienten medizinisch versorgen. Niemand der Wortführer spricht nur eine Silbe von den damit verbundenen Risiken.

Bei Covid-19 handelt es sich um eine Erkrankung, bei der wir erst anfangen zu verstehen, was der Erreger mit dem Körper macht und welche insbesondere Langzeitfolgen diese Infektion hat. Jede Ansteckung mit SARS-CoV-2 stellt ein unabwägbares Risiko für den Betroffenen dar. Von mildem Verlauf bis zum raschen Tod ist alles möglich. Long-Covid, wie man den über Monate prolongierten Prozess der Erkrankung nennt, löst womöglich eine lebenslange gesundheitliche Beeinträchtigung mit daraus resultierender Erwerbsminderung oder -unfähigkeit aus. Nebenbefundlich resultieren für viele unweigerlich erhebliche wirtschaftliche Folgen bis hin zum persönlichen Bankrott.

Diese Volksvertreter und Funktionäre fordern, dass wir Ärzte und das Pflegepersonal unsere Gesundheit und das Leben sowie das der Patienten aufs Spiel setzen, um ein Gesundheitssystem am Laufen zu halten, dessen Niedergang und Scheitern sie durch ihre jahrzehntelange neoliberale Politik in weiten Teilen selber zu verantworten haben.

Das, sehr geehrte Damen und Herren, werde ich sicher nicht.

An dem Tag, an dem ich positiv getestet werde, legt meine Wenigkeit die Arbeit nieder. Mein Hintern opfere ich keinesfalls auf dem Altar des Gesundheitsmarktes. Ich sehe mich als Arzt dazu verpflichtet, im Zustand einer hochinfektiösen Erkrankung konsequent Abstand von Patienten zu halten. Mit Blick auf die in Betracht kommenden Langzeitfolgen ist es zwingend erforderlich, die bestmöglichen Rahmenbedingungen für eine Kuration zu schaffen. Ziel ist es, nach Möglichkeit unbeschadet aus der Krankheit zu kommen.

Die Gesamtheit der im Gesundheitswesen tätigen Mitarbeiter*innen haben euch all die Jahre gewarnt. Gebetsmühlenartig haben wir auf die Folgen der Sparpolitik hingewiesen. Wir haben protestiert, gemahnt, in Talkshows diskutiert, alarmiert und rumgemault. Niemand hat uns zugehört. Das Trugbild einer Allverfügbarkeit umfassender medizinischer Leistungen brannte sich bei vielen Patienten ein. 24/7 musste jedes Wehwehchen, eine jegliche noch so geringe Befindlichkeitsstörung instantly behandelt werden. Gelang das nicht, wurde das mit Pöbeleien und miesen Bewertungen in den sozialen Netzen quittiert. Der Krug geht solange zum Brunnen, bis er bricht. Seht ihr die Scherben?

Ich halte meinen Kopf nicht dafür hin, was ihr all die vielen Jahre gründlich verbockt habt. Wem das nicht gefällt, der kann ja eine schlechte Bewertung auf Jameda hinterlassen. Zumal ich gar keine Lernkurve erkenne, sondern einzig und allein ein Lavieren durch die Krise. Ja ok, jetzt ist eine Notlage, aber der Markt lebt weiter. Nach der Pandemie ist vor der nächsten Diskussion über Klinikschließungen und Stellenabbau. Dann erst Recht, denn viele Gesundheitseinrichtungen werden nach der Pandemie in wirtschaftliche Schieflage geraten sein und so eine Marktbereinigung war doch schon lange fällig, oder?

Ich wünsche den vielen Pflegekräften und allen Kolleg*innen für die nächsten extrem harten Monate sämtliche zur Verfügung stehende Kraft und bleibt bitte gesund!

Und wenn ihr euch infizieren solltet, dann bleibt gefälligst daheim!

Wellenbrecherlockdown

Leute, reden wir über Hedonismus. Und über die armen Gastronomen, die ich allerdings nicht alle über einen Kamm scheren möchte.

Gestern war ich mit meinem jüngsten Sohn in der Bielefelder City unterwegs. Seine Corona-Frise brauchte ein dringendes Update, dass keinen Aufschub duldete. Im Anschluß des Haarschnitts beim Friseur unseres Vertrauens, der die Hygienemaßnahmen vorbildlich umsetzt, stellte sich Hunger ein. Und was kommt bei einem Grundschulkind besser an als Mac Donalds? Also steuerten wir die Filiale am Jahnplatz an, um uns einen Burger auf die Hand zu holen.

Als wir die Filiale betraten, traf mich schier der Schlag. Der Laden war bis auf den letzten Platz belegt. Gesperrte Plätze gab es keine. Zwischen den Sitzgruppen hatte man halb hohe Plexiglas-Scheiben installiert und es gab zwei Desinfektionsmittelspender. Und hier endet bereits die Aufzählung der getroffenen Hygienemaßnahmen. Die Luft war warm und feucht, fast stickig. Alle redeten laut, weil es so voll war. Ich zählte an die 50 Gäste. Hinzu kamen die Kunden wie ich, die nur was zum Mitnehmen bestellten. Hinzu kamen noch die Mitarbeiter, ca. 10 an der Zahl. Also hielten sich alles in allem in dieser eher kleinen Filiale an die 70 Personen auf.

Kontaktlisten wurden keine erhoben.

Wir mussten 15 Minuten auf unsere Bestellung warten und umso länger ich dort stand und versuchte, irgendwie zu anderen Gästen Abstand zu halten, was kaum möglich war, stieg in mir zunehmend die Wut hoch. Auf den Punkt gebracht: Dort herrschte präpandemaler Normalbetrieb. Auf die Plexiglasscheiben sei geschissen. Die verhindern höchstens, dass der Sitznachbar mich mit Ketchup bekleckert. Vor Aerosolen hat dort mal rein gar nichts geschützt. Wer bitte hat dieses Konzept, das Hygienekonzept zu nennen sich verbietet, genehmigt?

Auf dem Rückweg zum Auto kamen wir an einem Friseurladen vorbei. Der Inhaber schnitt, von außen gut erkennbar, einem jungen Mann die Haare. Sein MNS trug der Friseur dekorativ am Kinn, Nase und Mund lagen frei. An diesem Geschäft bin ich schon öfters vorbeigelaufen und jedes Mal war das so. Niemals sah ich, dass der MNS vom Personal korrekt getragen wurde. Dieser offensichtliche vorsätzliche und permanente Verstoß gegen die Hygienerichtlinien findet quasi unter den Augen der Obrigkeit statt, liegt doch die Stadtwache direkt gegenüber. Man muss also annehmen, dass der Ladenbesitzer keine Kontrolle befürchtet und diese wahrscheinlich auch noch nie stattgefunden hat.

Ein ähnliches Erlebnis hatten wir vor Wochen bei einem Spaziergang. Wir kamen an einem griechischen Restaurant in der Nachbarschaft vorbei und staunten nicht schlecht, was da los war. Alle umliegenden Straßen waren von Besuchern der Lokalität zugeparkt und das Gasthaus war rappelvoll. Wie zu alten Zeiten. Wüssten wir nicht von der Pandemie, wir hätten keinen Unterschied bemerkt.

Solche Beispiele kann sicherlich jeder zum besten geben, der mit offenen Augen durch die Stadt läuft. Business as usual war zum Schluß angesagt.

Und genau das ist der Grund, warum dieser Wellenbrecher-Lockdown unter anderem auf genau diese Lokalitäten und Freizeiteinrichtungen abzielt. Es hatte sich längst wieder Normalbetrieb eingestellt. Die Hygienemaßnahmen waren allenfalls ein Feigenblatt und sollten Sicherheit vortäuschen, wo es de facto keine gab. Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel. Die vorbildlichen Kneipenbesitzer und Restaurantbetreiber müssen jetzt mit ausbaden, was ihre Kollegoiden angerichtet haben.

Doch die Nachlässigkeiten der Gastronomieszene sind nicht die einzigen Treiber der exponentialen Infektionszahlen. Kommen wir zum Begriff des Hedonismus.

Hedonismus (von altgriechisch ἡδονή hēdonḗ, deutsch ‚Freude, Vergnügen, Lust, Genuss, sinnliche Begierde‘;[1] Wortbildung mit dem Suffix-ismus) bezeichnet zumeist eine philosophische bzw. ethische Strömung, deren Grundthese lautet, dass einzig Lust bzw. Freude und die Vermeidung von Schmerz bzw. Leid ihre Wirkung intrinsisch entfalten. Im Gegensatz zu dem philosophischen Verständnis wird im alltagssprachlichen Gebrauch mit dem Begriff Hedonismus häufig eine nur an momentanen Genüssen orientierte egoistische Lebenseinstellung bezeichnet. In diesem Sinne wird der Begriff Hedonismus oft abwertend gebraucht und als Zeichen der Dekadenz interpretiert. Unter der Bezeichnung „psychologischer Hedonismus“ wird tatsächlich verstanden, dass der Mensch im Allgemeinen einzig nach Lust bzw. Freude strebt.

– Wikipedia

Der Hedonist der heutigen Zeit ist meist jung, so zwischen 16 – 30 und will Party machen. Mit der Attitüde „Mir doch egal!“ wird die Coronapandemie klein geredet. Man lebt nur einmal und schließlich ist der Verlauf bei jungen Menschen meist mit geringeren Symptomen und weniger Komplikationen charakterisiert. Was soll also passieren…

…außer, dass man seine Eltern oder Großeltern ansteckt? Dass man das Virus durch sein unverantwortliches Treiben in die Breite trägt? Dass die Gesundheitsversorgung in die Knie geht und wir am Ende triagieren müssen, wer ein Intensivbett bekommt und wer nicht? Wir am Ende den jungen verunfallten Autofahrer nicht adäquat versorgen können, weil die Ressource schlicht fehlt?

Schon im ersten Lockdown saßen die jungen Leute hinter dem Haus auf dem Spielplatz, jeden Frühlingsabend, Alkohol saufend, schreiend, lachend, am Party machen mit lauter Musik aus der mitgebrachten Bluetooth-Box. Ja, ich kann das auch verstehen. Ich war auch mal jung und wenn ich überlege, was ich wohl getan hätte, dann komme ich zu dem Schluß: Dasselbe. Ich hätte wahrscheinlich auch Party gemacht. Aber das soll keine Entschuldigung sein, denn auch zu meiner Zeit wäre es dann völlig in Ordnung gewesen, dafür einen zwischen die Hörner zu bekommen.

Und offensichtlich geht es so weiter wie bisher und viele werden ihr Verhalten nicht anpassen.

Kommen wir zu Großhochzeiten, Beerdigungen und Kindergeburtstagen aus allen Kulturkreisen, die in der letzten Zeit allzu oft zu Superspreader-Events mutierten und die Infektionslage massiv angeheizt haben. Ich möchte ganz deutliche Worte finden: Es interessiert mich in diesem Fall nicht, wie wichtig die Familienehre ist und welche familiären Verpflichtungen dahinterstehen. Wenn euer Blut wirklich dicker als Wasser wäre, dann würdet ihr aufeinander aufpassen und die Alten wirkliche ehren, indem ihr sie beschützt und darauf achtet, dass sie nicht krank werden und schlimmstenfalls an Covid-9 versterben. Es ist für uns alle nicht leicht und viele Hochzeiten sind dieses Jahr ausgefallen und verschoben worden. Viele Geburtstage wurden nicht gefeiert. Auf vielen Beerdigungen waren nur die engsten Verwandten und niemand, der Trost spenden konnte. Wir leben mitten in einer globalen Naturkatastrophe und das Virus verzeiht keine Nachlässigkeiten. Auch nicht die geringste. Gnadenlos frisst es sich durch unsere pluralistische Gesellschaft. Wir werden diese Pandemie nur dann in den Griff kriegen, wenn wir uns wirklich alle an die Regeln halten und an einem Strang ziehen.

https://www.sueddeutsche.de/wissen/covid-19-sars-cov-2-intensivbetten-todesfaelle-lockdown-welle-wellenbrecher-1.5100285

In obigen Artikel wird beschrieben was passiert, wenn man die Infektion einfach so weiterlaufen lässt. Lesen und verstehen. Es passiert bereits, bei unseren Nachbarn in der Schweiz, in Belgien, in den Niederlanden.

Viele Nachlässigkeiten, fehlende Kontrollen und eine fehlende Awareness für die Gefahren der Pandemie haben uns nun den Abgrund geführt. Der Wellenbrecherlockdown kommt hoffentlich noch rechtzeitig. Die Menschen müssen jetzt aufwachen. Mit viel Glück kriegen wir die Kurve.

Wenn wir Pech haben, ist es bereits zu spät.

Die Angst der Coronaleugner

Kleiner Blogbeitrag zu dem Thema Coronaleugner. Warum lehnt man sinnvolle Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie ab oder leugnet sie vollständig? Was ist der Grund dafür?

Ich denke, in allererster Linie haben diese Menschen Angst. Sie sind mit der Situation überfordert. Sie suchen nach bequemen Lösungen in einer extrem komplexen Welt mit sich ständig ändernden Bedingungen. Das kann man ihnen nicht einmal verdenken, oder? Diese Charaktere sind mit der Komplexität der Umwelt generell überlastet. Und suchen instinktiv nach simplen Erklärungsmustern. Sie streben an, die Deutungshoheit zurückzugewinnen. Grundziel ist die Verringerung der persönlichen Angst und der Überforderung. Das Prinzip ist banal: Hat man Furcht vor einem Virus, negiert man seine Gefährlichkeit. Informationen, die diese belegen, werden ausgeblendet oder in Frage gestellt. Aussagen, die die Gefährdung negieren, werden in ihrer Bedeutsamkeit überhöht.

Diese kindlichen Verhaltensmuster kennen wir alle: Wer hat nicht gesungen, wenn er in den Keller gegangen ist? Wir waren überzeugt, die Monster durch unseren schiefen Gesang einzuschüchtern. Das ist selbstverständlich Dummfug. Die töten dich, obschon du singst.

Das gilt für das Coronavirus genau so. Es tötet ebenso, wenn du gar nicht daran glaubst.

Wir müssen den Coronaleugnern und Verschwörungstheoretikern unkomplizierte Lösungen anbieten, die funktionieren und verständlich sind. Ja, Masken bieten keinen 100% Schutz. Doch sie verringern die anfängliche Viruslast im Fall einer Infektion und mindern die Schwere der Erkrankung herab. Die AHA(L)-Regeln senken das persönliche Risiko einer Ansteckung. Kontakte auf das notwendigste beschränken. Lieber 3x die Oma im Altenheim besuchen statt 1x auf eine Party gehen.

Wichtig ist: Wir müssen diese Verhaltensregeln wieder und wieder erklären und dürfen nicht müde werden. Diese Besorgten erreicht man am ehesten, indem wir ihre Bedenken ernst nehmen. Der sprichwörtlich stete Tropfen und in unserem Boot ist jede Menge Platz. Was wir auf keinen Fall tun sollten ist, sie wegzuschubsen und zu beschimpfen. Damit erreichen wir nichts und im schlimmsten Fall das Gegenteil: Das vollständige Abdriften in die Parallelwelt der Coronaleugner und Schwurbler. Daher sollten wir auch zukünftig auf die Verwendung des Wortes „Covidiot“ verzichten.

Sitzt ein Bär in der Bundesärztekammer

Was der Allgemeinmediziner und Präsident der Bundesärztekammer Dr. med. Klaus Reinhardt in der gestrigen Talkshow Lanz vom Stapel gelassen hat, erweist allen aktuell hart arbeitenden Mitarbeiter*innen des Gesundheitssystems einen echten Bärendienst.

Seine erste Aussage schlägt dem Fass direkt den Boden aus:

„Ich würde die Situation in Deutschland als total kompensiert bezeichnen.“

– Dr. Klaus Reinhardt

Sowas behauptet jemand, der nur 1x in der Woche in seiner allgemeinmedizinischen Praxis in Bielefeld tätig ist und wahrscheinlich seit Ewigkeiten kein Krankenhaus mehr von innen gesehen hat. Geschweige denn eine Notaufnahme oder Intensivstation. Die Situation ist in sofern nicht ausbalanciert, als dass wir Mitarbeitenden des Gesundheitssystems bereits vor der Coronakrise buchstäblich am Limit gelaufen sind. Pflege- und Ärztemangel bestehen weiterhin. Die Gesamtlage wird sich in Anbetracht erwartbar steigender Infektionsraten bei medizinischem Personal verschlechtern. Da ist der im Herbst / Winter allgemein erhöhte Krankenstand nicht mit eingepreist. Und wenn man mit niedergelassenen Kolleg*innen spricht, ist die Lage in vielen Praxen jetzt schon gekippt. Und die Erkältungszeit nimmt in diesen Tagen erst Fahrt auf.

Den nächsten Kracher haut Dr. Reinhardt raus, nachdem Lanz ihn auf die steigenden Infektionszahlen anspricht und dies mittels einer Kurve untermauert.

„Das ist die Zahl der Neuinfektionen. Die sagt nichts darüber aus, wie viele Neu-Erkrankte sich darunter befinden und die sagt auch nichts darüber aus, wie viele Schwer-Erkrankte sich darunter befinden. Dass die Kurve ansteigt, sollte uns aufmerksam machen.“

– Dr. Klaus Reinhardt

Diese Aussage ist fachlich falsch. Das hat der geschätzte Kollege Prof. Dr. Drosten in einem Tweet treffend formuliert:

Ein kleiner, scheinbar notwendiger Exkurs zum Thema Infektion:

„Eine Infektion (wohl neuzeitliche Sekundärbildung[1] aus lateinisch īnficere ‚anstecken‘, ‚vergiften‘; wörtlich ‚hineintun‘) oder Ansteckung ist das (passive) Eindringen von Krankheitserregern in einen Organismus, wo sie verbleiben und sich anschließend vermehren. Konkret handelt es sich bei den Krankheitserregern um pathogene Lebewesen (z. B. Bakterien, Pilze, Parasiten) oder um Moleküle (z. B. Viren, Transposons und Prionen), die zum Überleben einen Wirt benötigen.[2] Krankheiten, die durch Ansteckung mit Krankheitserregern (Pathogenen) ausgelöst werden, werden als Infektionskrankheiten bezeichnet.“

Quelle: Wikipedia

Jede Infektion stellt eine Erkrankung dar. Der Körper ist infiziert und setzt sich immunologisch mit dem Erreger auseinander. Treten keine sichtbaren oder subjektiv erlebbaren Symptome auf, nennt man das eine subklinische Infektion.

„Subklinische Infektion: Die Abwehrmechanismen überwiegen und verhindern ein Ausbrechen der Krankheit. Durch Ausbildung einer sterilen Immunität oder kurzfristige Resistenzsteigerung wird der Erreger eliminiert. Die Infektion ist zeitlich begrenzt.“

Quelle: Wikipedia

Der positiv getestete Patient muss meiner Ansicht nach zwingend als passager krank angesehen werden und sich schonen und auskurieren. Keinesfalls sollte er als gesund gelten und, wie es besonders im Gesundheitssektor derzeit oft praktiziert wird, arbeiten gehen. Denn Stress und sonstige den Organismus beeinträchtigende Faktoren können dazu führen, dass aus einem subklinischen Verlauf ein symptomatischer wird, der ggf. komplikativ verläuft.

In der weiteren Diskussion folgt dann das eigentliche und meiner Meinung nach deutlich zu verurteilende Highlight der ganzen Sendung. Dr. Reinhardt behauptet schlicht, für den Nutzen von Alltagsmasken in jeder Lebenslage gebe es „keine wissenschaftliche Evidenz“. Er sei von der Maskenpflicht deshalb nicht überzeugt. Mehrfach betont er dabei, dass er diese Äußerung als Privatperson und nicht als Präsident der Bundesärztekammer tätige. Das fand Herr Lanz mehr als befremdlich.

„Hier sitzt gerade der Präsident der Bundesärztekammer und sagt, es gibt keine Evidenz für Masken – ich halte das noch einmal fest.“

– Markus Lanz

Das hielt Dr. Reinhardt nicht davon ab, weiter auszuholen und gar von einem Vermummungsgebot zu sprechen. Er verglich die jetzige Diskussion um die Maskenpflicht absurderweise mit den Antiterrormaßnahmen der 70er Jahre und dem seinerzeit resultierenden Vermummungsverbot.

„Ich sehe schon auch Probleme dabei und ich finde, dass wir darüber nachdenken dürfen in der Gesellschaft, ob die Vermummung ein Standard werden muss.“

– Dr. Klaus Reinhardt

Es gibt durchaus deutliche wissenschaftliche Belege für eine Wirksamkeit des Mund-Nasen-Schutzes in der aktuellen Pandemiesituation und gegen Covid-19.

Die größte Studie zu dem Thema, die ich auf Anhieb gefunden habe, ist die Metaanalyse von Holger Schünemann, Medizinprofessor in Kanada.

Physical distancing, face masks, and eye protection to
prevent person-to-person transmission of SARS-CoV-2 and
COVID-19: a systematic review and meta-analysis
Derek K Chu, Elie A Akl, Stephanie Duda, Karla Solo, Sally Yaacoub, Holger J Schünemann, on behalf of the COVID-19 Systematic Urgent Review Group Effort (SURGE) study authors*

Die hat letztlich sogar dazu geführt, dass die WHO das Tragen des MNS im Alltag an öffentlichen Orten mit hoher Übertragungsrate, wo ein Abstandhalten nicht gut möglich ist, empfiehlt. Der Mund-Nasen-Schutz kann in diesem Fall einen Beitrag leisten, die Ansteckungen mit Covid-19 zu reduzieren und die Pandemie einzudämmen, so die WHO. Laut Professor Schünemann et al. senken Masken das relative Risiko, sich zu infizieren, um etwa 80 Prozent. In einem Interview mit der Berliner Zeitung im August 2020, welches ich empfehle, erläutert Professor Schünemann die Schwächen und Stärken seiner Metaanalyse.

https://www.berliner-zeitung.de/gesundheit-oekologie/experte-es-war-nicht-einfach-die-schutzwirkung-von-masken-zu-beweisen-li.96920?fbclid=IwAR3DzGKSU-1JNSH6xZNEPPG70hF3Xi8PQMNHwS1njemVKM-9J1WGQAlRgc0

Wie kann der Präsident der Bundesärztekammer behaupten, es gäbe für die Maskenpflicht in der Öffentlichkeit keine Evidenz, wenn selbst die WHO diese weltweit empfiehlt? Offenbar war er sich der Tragweite seiner Äußerung durchaus bewusst, sonst hätte er nicht mehrfach betont, dass es sich um seine private ärztliche Meinung handelt. Er wies in dem Zusammenhang explizit darauf hin, dass er nicht anstrebt, zur Galionsfigur der Maskengegner zu werden. Diesen ersichtlichen Widerspruch und die dem inne wohnende Gefahr sprach Markus Lanz treffsicher an:

„Herr Reinhardt, seien Sie mir nicht böse, aber so wie sie sich gerade ausgedrückt haben, kann man sie mindestens missverstehen und das kann man morgen auf der Demo nehmen und sagen, das mit den Masken ist echt schwierig.“

– Markus Lanz

Das man als Präsident der Bundesärztekammer die Privatmeinung nicht von der Position trennen kann, schon einmal gar nicht im Format einer Talkshow, hat der Kollege Steffen Veen, Anästhesist und Vorstandsmitglied der Ärztekammer Nordrhein in einem Tweet auf den Punkt gebracht:

Nicht wenige fordern aus diesem Grund bereits öffentlich den Rücktritt von Dr. Klaus Reinhardt, allen voran Professor Karl Lauterbach, MdB.

Was ich persönlich mindestens genauso befremdlich finde ist, dass Dr. Reinhardt das Risiko von jungen Menschen als niedrig einschätzt, wohingegen er Risikopatienten und älteren Menschen das Tragen von FFP 2 Masken nahelegt. Wir wissen mittlerweile aus einer Vielzahl von Studien, dass es bei ca. 30% der Erkrankten zu einem komplizierten Verlauf kommt, der oftmals in das Auftreten von Langzeitschäden mit monatelanger Rekonvaleszenz mündet. Da sind junge Patienten ausdrücklich nicht ausgenommen. Wir wissen, das Covid-19 eine Multisysteminfektion ist, die eine Vielzahl von anhaltenden Organschäden verursachen kann. Neueste Fallbeispiele zeigen unter anderem auch ein erhöhtes Risiko für Früh- und Fehlgeburten bei Schwangeren und teils auch intrauterine Infektionen. Das alles muss man in die Gesamtbetrachtung mit einbeziehen und ich hätte mir vom Präsidenten der Bundesärztekammer hier eine deutliche Differenzierung gewünscht und keine „Schwurbelei“ auf Stammtischniveau. Die öffentlich geäußerte Diskreditierung der allgemeinen Maskenpflicht ist ein Schlag ins Gesicht all derer, die sich täglich intensiv mit dem Thema beschäftigen und in einer schier nicht enden wollenden Sisyphos-Arbeit immer wieder auf allen Kommunikationskanälen erklären, aufklären, ermahnen und warnen.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis mir der erste Patient sagt „Aber selbst der Präsident der Bundesärztekammer hat gesagt…“ und soviel PPI kann ich nicht fressen, um das auf Dauer zu ertragen.

Liebe Kolleg*innen und Pflegenden – bleibt stark und vor allem: Bleibt gesund!