Die Gesundheitssklaven

Die Pandemie schreitet voran und wer ernsthaft denkt, das Schlimmste sei bereits vorrüber, der irrt sich meiner Ansicht nach gewaltig. Wir stecken mitten in Coronakrise und es gibt nicht die eine Welle, sondern dutzende. Weltweit. Wie eine handvoll Kieselsteine, die man mit voller Wucht in einen Tümpel wirft und deren Wellenkreise sich überlappen und reflektieren. Die gesamte Wasseroberfläche ist in Bewegung.

Zu Beginn der Coronakrise dachten viele der im Gesundheitswesen tätigen Pflegenden und Mediziner, dass sich jetzt was ändert. Das die politisch Verantwortlichen aufwachen und den Wert und die Wichtigkeit eines vom Markt unabhängig agierenden Gesundheitswesen erkennen und die entsprechenden Änderungen rasch und konsequent umsetzen. Wir alle hofften zumindest ein wenig, dass die Gesundheitskonzerne wie Asklepios, Rhön, Helios und wie sie alle heißen an die kurze Leine genommen werden. Wir hofften, dass ein generelles Umdenken im Angesicht der Krise und der drohenden tausenden von Toten und schwerst Kranken einsetzt. Wir hofften, dass man unsere wachsende Not und unsere Resignation nun endlich versteht.

Doch wir haben uns geirrt.

Denn nun fällt allen auf: Das kostet auch alles Geld. Und kaum wurde das böse Wort Geld ausgesprochen, begannen umgehend die Verteilungskämpfe und jede beteiligte Gruppe, sei es der GKV Spitzenverband oder die Deutsche Krankenhausgesellschaft, Länderchefs und Gesundheitsminister, die Bundesregierung oder weiß der Geier wer noch schauen ins virtuelle leere Portemoinaie und schütteln bedächtig bis wild empört ihren bedenkenschweren Kopf: Nichts drin!

In vielen Gesprächen der letzten Tage und Wochen mit Kolleg*innen aus allen möglichen Bereichen und Berufsgruppen habe ich vor allem zwei Emotionen wahrgenommen: Frustration und Wut. Stille Wut, die sich tief reingefresen hat. Der Grund ist, dass sie uns gefangen halten. Gefangen in unserern eigenen sozialen und ethischen Ansprüchen. Wir sind Geiseln des Systems. Wir wissen keinen Ausweg, außer vielleicht der komplette Ausstieg. Und das wollen die meisten nicht. Wie auch? Ich persönlich habe nichts anderes gelernt als Arzt sein. Und ich will eigentlich auch nichts anderes machen. Mir bleibt nur, irgendeine einigermassen erträgliche Nische zu suchen, in der ich es aushalten kann und ich nicht jeden Tag gef***t werde.

Wir sind die Gesundheitssklaven und seit der Coronakrise sind die Ketten dicker und die Eisenkugeln schwerer geworden.

Was können wir tun? Ich befürchte, wir müssen härter werden und auch ein Stück entgegen unseren Prinzipien handeln. Nur noch Dienst nach Vorschrift. Alle abrechnungsrelevanten Maßnahmen nicht mehr dokumentieren. Kannst du noch einen Dienst übernehmen? Sorry, leider nein, leider gar nicht! Wir müssen mehr zusammenrücken. Solidarisiert euch. Formuliert schriftlich eure Forderungen und setzt Fristen mit der Androhung, bei Nichtumsetzung die kollektive Kündigung einzureichen. Macht eure Forderungen öffentlich. In Form von Flugblättern, Zeitungsannouncen, in sozialen Netzwerken. Benennt dabei stets Roß & Reiter. Holt die Mitarbeitervertretungen und den Betriebsrat mit ins Boot. Nehmt euch gemeinsam einen guten Anwalt, der euch berät und teilt die Kosten durch alle Beteiligten. Geht den lokalen Politikern richtig auf den Sack, per E-Mail, Anrufen, persönlichen Gesprächsterminen. Auf jeder fucking Wahlkampfveranstaltung und jedem fucking öffentlichen Auftritt müsst ihr präsent sein. Seid laut. Lasst sie diesmal nicht damit durchkommen. Die Coronakrise ist noch lange nicht vorbei und die Verantwortlichen haben genau davor eine scheiss Angst: Das wir bockig werden und sagen: Nein! Bis hierhin und nicht weiter! Das ist das Momentum, das wir nutzen sollten. Denn wenn uns die momentane interpandemische Phase eines deutlich zeigt: Die wollen gar nichts ändern. Die Cashcow Gesundheitswesen darf nicht sterben. Die Dividenten müssen weiter fließen. Also müssen wir jetzt unsere Konsequenzen daraus ziehen und jetzt aufstehen und rebellieren. Wenn sie uns am dringensten brauchen, sind sie am gesprächbereitesten. Sie werden uns zuhören müssen. Sie werden uns geben, was wir wollen. Nicht freiwillig, aber dann zwingen wir sie halt. Wir sind in der Überzahl und die wollen was von uns.

Stehen wir jetzt auf und kämpfen! So eine Gelegenheit kommt so schnell nicht wieder. Nutzen wir sie!

Am Wendepunkt

Die Corona-Pandemie ist sicherlich jetzt schon das globale Ereignis unserer Zeit, generationenübergreifend. Eine Jahrhundertkatastrophe, in den weitreichenden Folgen absolut vergleichbar mit den zwei Weltkriegen des vorigen Jahrhunderts oder mit der Spanischen Grippe im Winter 1918/19. Sars-CoV-2 ist nicht irgendein Erreger, der irgendeine Pandemie auslöst. Er ist viel mehr. Er ist disruptiv. Er legt den Finger auf all die Wunden unserer Zeit. Er attackiert die unzähligen Schwachstellen unserer (globalen) Gesellschaften, unserer Wirtschaftssysteme, unserer Gesundheitssysteme. Er entlarvt all die Unzulänglichkeiten unseres Zusammenlebens. Er zeigt die Fehlentwicklungen unserer Spezies in so schonungsloser Art und Weise auf, dass es schwer fällt, an eine rein zufällige Pandemie zu glauben.

Ich bin ein spiritueller Mensch. Nicht religiös, denn mit den institutionalisierten Religionen habe ich nichts am Hut. Ich glaube an Gott, nenne es aber nicht so. Für mich ist Gott All das, was ist. Eine universelle, allgegenwärtige und niemals endende Intelligenz. Alles durchdringend. Alles bedingungslos liebend. Und wir sind gewiss ein unzertrennlicher Teil das Ganzen. Wir sind das Ganze.

Ich glaube nicht an ein zufälliges Universum. Ich glaube nicht daran, dass wir random aus irgendwelchen Molekülen entstanden, ein völlig unwahrscheinliches und in einem kalten, sinnlosen Universum zufälliges Ereignis sind. Ich glaube nicht an den Zufall. Und diese Grundannahme trägt mich zu den folgenden Überlegungen und Annahmen.

Gehen wir im folgenden als Grundannahme davon aus, dass nichts im Universum zufällig geschieht. Jeden Tag stehen wir als einzelne Individuen vor unzähligen Entscheidungen. Wir stehen vor unzähligen Weggabelungen und wählen aus einem schier unendlichen Meer aus Wahrscheinlichkeiten jeweils einen Pfad aus, auf dem wir uns dann weiterbewegen. Jede Entscheidung ändert unser Leben. Privat, familiär, in der Liebe, im Beruf. Über 7 Milliarden Individuen treffen in jeder Sekunde Myriden an Entscheidungen, die deren persönliche Realität ändern. Und die persönlichen Realitäten von über 7 Milliarden Individuen formen die Realität eines ganzen Planeten. Formen politische Systeme unterschiedlichster Art, Gesellschaftsformen, ganze Ökologien werden beeinflusst, Kriege geführt. Die Liste lässt sich unendlich fortführen.

Wenn nichts ein Zufall ist, dann auch nicht das Ausbrechen dieser Pandemie. Sie ist das unmittelbare Ergebnis unseres täglichen globalen Handelns und Denkens. Was für ein unfassbarer Zufall, dass die Pandemie genau in Wuhan ausgebrochen ist, dem weltweiten Zentrum der Produktion von medizinischer Schutzausrüstung und pharmakologischen Grundsubstanzen, oder? Ich bin kein Anhänger kruder Verschwörungstheorien. Diesen Virus hat keine jüdische Weltverschwörung erschaffen noch irgendwelche Reptiloiden. Die Erde ist eine Kugel und innen nicht hohl. Nur um das gleich klar zu stellen.

Haben wir nicht alle oft schon das Gefühl gehabt, dass sich eigentlich mal generell was ändern müsste? Das wir unser persönliches Leben, aber auch als Spezies gesamt, nicht so werden weiterführen können? Die Anzeichen, dass wir uns auf einem gewaltigen Holzweg befinden, sind nahezu unübersehbar geworden. Umweltzerstörung, – verschmutzung, die Klimakatastrophe, unsere Art der Ernährung, die globalen sozialen Verwerfungen, Kriege, Diktaturen, die unfassbare atomare Bedrohung. All das macht was mit den Menschen, lässt sie in Angst und immanenter Verzweiflung leben. Was könnte das stärker sein als der Wunsch nach einer umfassenden Veränderung, einer Transformation hin zum Besseren? Gehen wir nun zurück zu den beiden Grundannahmen, die ich gesetzt habe: All das, was ist und ein Universum ohne Zufälle.

Was, wenn uns diese Intelligenz gehört hat? Was, wenn wir als Spezies einen klaren Wunsch nach umfassender Veränderung formuliert haben, in Form von Milliarden ausgesprochenen und unausgesprochenen Wünschen nach Veränderung. Ein milliardenfach gedachtes „So kann es nicht weiter gehen“.

Bevor wir ein neues Gebäude errichten, müssen wir das alte einreißen. Für einen Umbau ist es meiner Meinung nach einfach zu marode, eine Sanierung lohnt sich somit nicht mehr. Covid-19 ist der Abrißbagger, der das alte System zum wanken bringt. Es liegt nun an uns, ob es endgültig einstürzt und Platz für einen Neubau macht oder ob wir so weitermachen, wie bislang, mit allen daraus resultierenden Folgen. Wir können dieses gewaltige Momentum der gobalen Krise nutzen und den Umsturz wagen. Wir können ein neues System erschaffen. Ein intelligenteres, gerechteres System. Nachhaltig und verantwortungsvoll. Aufbauend auf Kooperation und Nächstenliebe und nicht auf Konkurrenz wie bisher. Es wird kein leichter Weg werden, es wird lange dauern und wir werden uns auf Rückschläge gefasst machen müssen. Eine gigantische Baustelle liegt vor uns. Doch es wird den Erhalt unserer Spezies sichern. Und ganz nebenbei das Leben von Milliarden Menschen hoffentlich lebenswerter machen.