Die Angst der Coronaleugner

Kleiner Blogbeitrag zu dem Thema Coronaleugner. Warum lehnt man sinnvolle Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie ab oder leugnet sie vollständig? Was ist der Grund dafür?

Ich denke, in allererster Linie haben diese Menschen Angst. Sie sind mit der Situation überfordert. Sie suchen nach bequemen Lösungen in einer extrem komplexen Welt mit sich ständig ändernden Bedingungen. Das kann man ihnen nicht einmal verdenken, oder? Diese Charaktere sind mit der Komplexität der Umwelt generell überlastet. Und suchen instinktiv nach simplen Erklärungsmustern. Sie streben an, die Deutungshoheit zurückzugewinnen. Grundziel ist die Verringerung der persönlichen Angst und der Überforderung. Das Prinzip ist banal: Hat man Furcht vor einem Virus, negiert man seine Gefährlichkeit. Informationen, die diese belegen, werden ausgeblendet oder in Frage gestellt. Aussagen, die die Gefährdung negieren, werden in ihrer Bedeutsamkeit überhöht.

Diese kindlichen Verhaltensmuster kennen wir alle: Wer hat nicht gesungen, wenn er in den Keller gegangen ist? Wir waren überzeugt, die Monster durch unseren schiefen Gesang einzuschüchtern. Das ist selbstverständlich Dummfug. Die töten dich, obschon du singst.

Das gilt für das Coronavirus genau so. Es tötet ebenso, wenn du gar nicht daran glaubst.

Wir müssen den Coronaleugnern und Verschwörungstheoretikern unkomplizierte Lösungen anbieten, die funktionieren und verständlich sind. Ja, Masken bieten keinen 100% Schutz. Doch sie verringern die anfängliche Viruslast im Fall einer Infektion und mindern die Schwere der Erkrankung herab. Die AHA(L)-Regeln senken das persönliche Risiko einer Ansteckung. Kontakte auf das notwendigste beschränken. Lieber 3x die Oma im Altenheim besuchen statt 1x auf eine Party gehen.

Wichtig ist: Wir müssen diese Verhaltensregeln wieder und wieder erklären und dürfen nicht müde werden. Diese Besorgten erreicht man am ehesten, indem wir ihre Bedenken ernst nehmen. Der sprichwörtlich stete Tropfen und in unserem Boot ist jede Menge Platz. Was wir auf keinen Fall tun sollten ist, sie wegzuschubsen und zu beschimpfen. Damit erreichen wir nichts und im schlimmsten Fall das Gegenteil: Das vollständige Abdriften in die Parallelwelt der Coronaleugner und Schwurbler. Daher sollten wir auch zukünftig auf die Verwendung des Wortes „Covidiot“ verzichten.

Sitzt ein Bär in der Bundesärztekammer

Was der Allgemeinmediziner und Präsident der Bundesärztekammer Dr. med. Klaus Reinhardt in der gestrigen Talkshow Lanz vom Stapel gelassen hat, erweist allen aktuell hart arbeitenden Mitarbeiter*innen des Gesundheitssystems einen echten Bärendienst.

Seine erste Aussage schlägt dem Fass direkt den Boden aus:

„Ich würde die Situation in Deutschland als total kompensiert bezeichnen.“

– Dr. Klaus Reinhardt

Sowas behauptet jemand, der nur 1x in der Woche in seiner allgemeinmedizinischen Praxis in Bielefeld tätig ist und wahrscheinlich seit Ewigkeiten kein Krankenhaus mehr von innen gesehen hat. Geschweige denn eine Notaufnahme oder Intensivstation. Die Situation ist in sofern nicht ausbalanciert, als dass wir Mitarbeitenden des Gesundheitssystems bereits vor der Coronakrise buchstäblich am Limit gelaufen sind. Pflege- und Ärztemangel bestehen weiterhin. Die Gesamtlage wird sich in Anbetracht erwartbar steigender Infektionsraten bei medizinischem Personal verschlechtern. Da ist der im Herbst / Winter allgemein erhöhte Krankenstand nicht mit eingepreist. Und wenn man mit niedergelassenen Kolleg*innen spricht, ist die Lage in vielen Praxen jetzt schon gekippt. Und die Erkältungszeit nimmt in diesen Tagen erst Fahrt auf.

Den nächsten Kracher haut Dr. Reinhardt raus, nachdem Lanz ihn auf die steigenden Infektionszahlen anspricht und dies mittels einer Kurve untermauert.

„Das ist die Zahl der Neuinfektionen. Die sagt nichts darüber aus, wie viele Neu-Erkrankte sich darunter befinden und die sagt auch nichts darüber aus, wie viele Schwer-Erkrankte sich darunter befinden. Dass die Kurve ansteigt, sollte uns aufmerksam machen.“

– Dr. Klaus Reinhardt

Diese Aussage ist fachlich falsch. Das hat der geschätzte Kollege Prof. Dr. Drosten in einem Tweet treffend formuliert:

Ein kleiner, scheinbar notwendiger Exkurs zum Thema Infektion:

„Eine Infektion (wohl neuzeitliche Sekundärbildung[1] aus lateinisch īnficere ‚anstecken‘, ‚vergiften‘; wörtlich ‚hineintun‘) oder Ansteckung ist das (passive) Eindringen von Krankheitserregern in einen Organismus, wo sie verbleiben und sich anschließend vermehren. Konkret handelt es sich bei den Krankheitserregern um pathogene Lebewesen (z. B. Bakterien, Pilze, Parasiten) oder um Moleküle (z. B. Viren, Transposons und Prionen), die zum Überleben einen Wirt benötigen.[2] Krankheiten, die durch Ansteckung mit Krankheitserregern (Pathogenen) ausgelöst werden, werden als Infektionskrankheiten bezeichnet.“

Quelle: Wikipedia

Jede Infektion stellt eine Erkrankung dar. Der Körper ist infiziert und setzt sich immunologisch mit dem Erreger auseinander. Treten keine sichtbaren oder subjektiv erlebbaren Symptome auf, nennt man das eine subklinische Infektion.

„Subklinische Infektion: Die Abwehrmechanismen überwiegen und verhindern ein Ausbrechen der Krankheit. Durch Ausbildung einer sterilen Immunität oder kurzfristige Resistenzsteigerung wird der Erreger eliminiert. Die Infektion ist zeitlich begrenzt.“

Quelle: Wikipedia

Der positiv getestete Patient muss meiner Ansicht nach zwingend als passager krank angesehen werden und sich schonen und auskurieren. Keinesfalls sollte er als gesund gelten und, wie es besonders im Gesundheitssektor derzeit oft praktiziert wird, arbeiten gehen. Denn Stress und sonstige den Organismus beeinträchtigende Faktoren können dazu führen, dass aus einem subklinischen Verlauf ein symptomatischer wird, der ggf. komplikativ verläuft.

In der weiteren Diskussion folgt dann das eigentliche und meiner Meinung nach deutlich zu verurteilende Highlight der ganzen Sendung. Dr. Reinhardt behauptet schlicht, für den Nutzen von Alltagsmasken in jeder Lebenslage gebe es „keine wissenschaftliche Evidenz“. Er sei von der Maskenpflicht deshalb nicht überzeugt. Mehrfach betont er dabei, dass er diese Äußerung als Privatperson und nicht als Präsident der Bundesärztekammer tätige. Das fand Herr Lanz mehr als befremdlich.

„Hier sitzt gerade der Präsident der Bundesärztekammer und sagt, es gibt keine Evidenz für Masken – ich halte das noch einmal fest.“

– Markus Lanz

Das hielt Dr. Reinhardt nicht davon ab, weiter auszuholen und gar von einem Vermummungsgebot zu sprechen. Er verglich die jetzige Diskussion um die Maskenpflicht absurderweise mit den Antiterrormaßnahmen der 70er Jahre und dem seinerzeit resultierenden Vermummungsverbot.

„Ich sehe schon auch Probleme dabei und ich finde, dass wir darüber nachdenken dürfen in der Gesellschaft, ob die Vermummung ein Standard werden muss.“

– Dr. Klaus Reinhardt

Es gibt durchaus deutliche wissenschaftliche Belege für eine Wirksamkeit des Mund-Nasen-Schutzes in der aktuellen Pandemiesituation und gegen Covid-19.

Die größte Studie zu dem Thema, die ich auf Anhieb gefunden habe, ist die Metaanalyse von Holger Schünemann, Medizinprofessor in Kanada.

Physical distancing, face masks, and eye protection to
prevent person-to-person transmission of SARS-CoV-2 and
COVID-19: a systematic review and meta-analysis
Derek K Chu, Elie A Akl, Stephanie Duda, Karla Solo, Sally Yaacoub, Holger J Schünemann, on behalf of the COVID-19 Systematic Urgent Review Group Effort (SURGE) study authors*

Die hat letztlich sogar dazu geführt, dass die WHO das Tragen des MNS im Alltag an öffentlichen Orten mit hoher Übertragungsrate, wo ein Abstandhalten nicht gut möglich ist, empfiehlt. Der Mund-Nasen-Schutz kann in diesem Fall einen Beitrag leisten, die Ansteckungen mit Covid-19 zu reduzieren und die Pandemie einzudämmen, so die WHO. Laut Professor Schünemann et al. senken Masken das relative Risiko, sich zu infizieren, um etwa 80 Prozent. In einem Interview mit der Berliner Zeitung im August 2020, welches ich empfehle, erläutert Professor Schünemann die Schwächen und Stärken seiner Metaanalyse.

https://www.berliner-zeitung.de/gesundheit-oekologie/experte-es-war-nicht-einfach-die-schutzwirkung-von-masken-zu-beweisen-li.96920?fbclid=IwAR3DzGKSU-1JNSH6xZNEPPG70hF3Xi8PQMNHwS1njemVKM-9J1WGQAlRgc0

Wie kann der Präsident der Bundesärztekammer behaupten, es gäbe für die Maskenpflicht in der Öffentlichkeit keine Evidenz, wenn selbst die WHO diese weltweit empfiehlt? Offenbar war er sich der Tragweite seiner Äußerung durchaus bewusst, sonst hätte er nicht mehrfach betont, dass es sich um seine private ärztliche Meinung handelt. Er wies in dem Zusammenhang explizit darauf hin, dass er nicht anstrebt, zur Galionsfigur der Maskengegner zu werden. Diesen ersichtlichen Widerspruch und die dem inne wohnende Gefahr sprach Markus Lanz treffsicher an:

„Herr Reinhardt, seien Sie mir nicht böse, aber so wie sie sich gerade ausgedrückt haben, kann man sie mindestens missverstehen und das kann man morgen auf der Demo nehmen und sagen, das mit den Masken ist echt schwierig.“

– Markus Lanz

Das man als Präsident der Bundesärztekammer die Privatmeinung nicht von der Position trennen kann, schon einmal gar nicht im Format einer Talkshow, hat der Kollege Steffen Veen, Anästhesist und Vorstandsmitglied der Ärztekammer Nordrhein in einem Tweet auf den Punkt gebracht:

Nicht wenige fordern aus diesem Grund bereits öffentlich den Rücktritt von Dr. Klaus Reinhardt, allen voran Professor Karl Lauterbach, MdB.

Was ich persönlich mindestens genauso befremdlich finde ist, dass Dr. Reinhardt das Risiko von jungen Menschen als niedrig einschätzt, wohingegen er Risikopatienten und älteren Menschen das Tragen von FFP 2 Masken nahelegt. Wir wissen mittlerweile aus einer Vielzahl von Studien, dass es bei ca. 30% der Erkrankten zu einem komplizierten Verlauf kommt, der oftmals in das Auftreten von Langzeitschäden mit monatelanger Rekonvaleszenz mündet. Da sind junge Patienten ausdrücklich nicht ausgenommen. Wir wissen, das Covid-19 eine Multisysteminfektion ist, die eine Vielzahl von anhaltenden Organschäden verursachen kann. Neueste Fallbeispiele zeigen unter anderem auch ein erhöhtes Risiko für Früh- und Fehlgeburten bei Schwangeren und teils auch intrauterine Infektionen. Das alles muss man in die Gesamtbetrachtung mit einbeziehen und ich hätte mir vom Präsidenten der Bundesärztekammer hier eine deutliche Differenzierung gewünscht und keine „Schwurbelei“ auf Stammtischniveau. Die öffentlich geäußerte Diskreditierung der allgemeinen Maskenpflicht ist ein Schlag ins Gesicht all derer, die sich täglich intensiv mit dem Thema beschäftigen und in einer schier nicht enden wollenden Sisyphos-Arbeit immer wieder auf allen Kommunikationskanälen erklären, aufklären, ermahnen und warnen.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis mir der erste Patient sagt „Aber selbst der Präsident der Bundesärztekammer hat gesagt…“ und soviel PPI kann ich nicht fressen, um das auf Dauer zu ertragen.

Liebe Kolleg*innen und Pflegenden – bleibt stark und vor allem: Bleibt gesund!

Nazis raus!

Freunde und Follower, Twitter hat meinen Account gesperrt, weil ich angeblich zur Gewalt aufgerufen hätte. Es geht genau um diesen Tweet

Verlinkt hatte ich hier ein Video aus dem Jahre 1994, in dem zu sehen ist, wie die Luxemburger Polizei hart gegen Neonazis durchgreift.

Genau genommen war es eine verkürzte Fassung, die eine Twitterin vor einiger Zeit gepostet hatte. Leider finde ich den Tweet gerade nicht mehr. Liebe Grüße unbekannterweise an der Stelle.

Mitnichten habe ich zur Gewalt gegen Nazis aufgerufen, denn nichts liegt mir mehr fern als das zu tun. Ich habe stattdessen die Polizei dazu aufgefordert, ihre Arbeit zu machen. Und Ihnen als Anleitung dieses Video verlinkt. Denn das Gewaltmonopol liegt beim Staat und bei niemandem sonst. Und ich bin der Ansicht, dass gegen das braune Pack, gegen dieses menschenfeindlichen und rassistische Gesindel mit aller Härte vorgegangen werden muss. Wehret den Anfängen. Und mein Verlinkung dieses lehrreichen Videos tat ja offenbar Not! Nur 3 – in Worten: DREI – tapfere Polizisten haben am vergangenen Samstag verhindert, dass der Worst Case eintritt und Rechte den Reichstag stürmen. Unerträgliche Bilder sind aus Deutschland um die ganze Welt gegangen, mal wieder. Vollversager, die auf den Treppen des Reichstages die Reichskriegsflaggen schwenken. Covidioten, die sich gemein machen mit den Rechten und Reichsbürgern. Die gemeinsam unsere demokratischen Werte mit Füssen treten. Und JA, ich bin der Meinung, dass die Polizei genauso wie in dem Video zu sehen gegen diese staatszersetzenden faschistoiden Individuen vorgehen muss. Mit aller gebotenen Härte, damit sich solche widerlichen Bilder nicht noch einmal wiederholen. Damit sich die Geschichte unseres Landes sich nicht wiederholt. Keinen fußbreit diesen Rassisten und Menschenfeinden!

FCZ NZS!

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