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Manifest

Wir sind mitten drin in der und scheinbar für viele verblüffend harten zweiten Welle der Corona-Pandemie. In den Nachbarländern implodiert ein Gesundheitssystem nach dem anderen. Belgien, die Niederlande, Frankreich, fast die meisten Visegrád -Staaten ächzen unter dem Ansturm behandlungspflichtiger Patienten. Österreich steht kurz vor einem durchgreifenden Lockdown mit Ausgangssperren rund um die Uhr. Das öffentliche Leben wird dort für die nächsten Wochen radikal runtergefahren. Rien ne va plus.

Eine Vielzahl von Menschen haben seit Monaten davor gewarnt. Virologen, Mediziner, Epidemiologen, Politiker wie Prof. Lauterbach, um nur einen exemplarisch zu nennen. Gehört wurden wir nicht. Es wurde beschwichtigt, es wurde relativiert. Gebetsmühlenartig wurden die beruhigenden Zahlen verfügbarer Intensivbetten wieder und wieder genannt.

https://www.rtl.de/cms/zweite-corona-welle-in-deutschland-virologen-warnen-vor-leichtsinnigem-verhalten-4584860.html

https://www.dnn.de/Region/Mitteldeutschland/Warnung-vor-zweiter-Welle-Leipziger-Forscher-empfehlen-massvolle-Lockerung

Während der heranrollenden ersten Welle der Pandemie konnten die Kliniken auf die Unterstützung der Politik setzen. Finanzierungspakete wurden geschnürt, freigehaltene Betten für Covid-Patienten gesondert vergütet. Dieses Stabilitätsnetz machte es Krankenhäusern leicht, das erlösrelevante Elektivgeschäft zu stoppen und sich stattdessen auf einen Ansturm von an Covid-19 erkrankten Menschen vorbereiten. Die riesige Welle blieb, auch dank des passageren Lockdowns, weitestgehend aus. Zu einer Überlastung des Gesundheitssystems kam es glücklicherweise nicht.

Doch im Hintergrund gärte es bei den Geschäftsführern der deutschen Klinikwelt. Denn es kristallisierte sich allmählich heraus, dass die Ausgleichszahlungen nicht ausreichen, um die Verluste, die durch Leerstand entstanden sind, auszugleichen. Nach Aufhebung des Lockdowns und unter dem Eindruck sinkender Infektionszahlen fuhren die Krankenhäuser ihren Betrieb wieder hoch. In den OP-Sälen dieser Republik wurde von nun an nächtelang durchoperiert. Es galt, den monetären Rückstand der letzten Monate mit allen Mitteln aufzuholen. Die Lockerungskönige des Landes, diese Laschets und Streecks sahen das gerne. Zurück zur Normalität war die Losung. Leben mit dem Virus, und das bitte mit so wenig Einschränkungen wie möglich. Reisen, Sport, Essen gehen, Freunde treffen, das war alles wieder zu machen. Doch Corona schlief nicht, sondern schlich sich tiefer in der Gesellschaft, nahezu unbemerkt. Es verteilte sich kriechend in der gesamten Breite der Bevölkerung.

Dann, mit dem Herbst verlagerten sich die Veranstaltungen zunehmend nach drinnen. Damit brach die zweite Welle los.

Ich darf sagen, es ist katastrophal. Die Zahl an Covid-Patienten ist rasch gestiegen und hat das Personal, vor allem das der Pflege, in kurzer Zeit an den Rand der Dekompensation gebracht. Immer mehr Beschäftigte des Gesundheitssystems stecken sich selber an und erkranken. Ich will hier zu diesem Zeitpunkt mit einem Trugschluss aufräumen, der breit in der Bevölkerung kursiert: Die angeblich hohe Zahl asymptomatischer oder milder Verläufe einer Infektion mit SARS-CoV-2.

Die asymptomatischen oder milden Verläufe treffen eher auf die Kinder und Jugendlichen zu, nicht auf Erwachsene. Studien zeigen, dass bis zu 62% der Kinder und Jugendlichen sogenannte kreuzreaktive Antikörper gegen SARS-CoV-2 in sich tragen. Die haben sie bei vorangegangenen Infektionen mit einem oder mehreren der bekannten Corona-Erkältungsviren entwickelt. Bei Erwachsenen ist der Anteil an Trägern dieser Antikörper deutlich geringer. Diese kreuzreaktiven Antikörper verhindern aber nicht zwangsläufig eine Infektion, sondern mildern diese ab. Schwere Verläufe entstehen erst gar nicht. Somit ist der Infizierte möglicherweise für eine Weile infektiös für andere und kann eine Infektionskette initiieren, beklagt jedoch nur minimale bis keine nennenswerten Symptome.

Aus der eigenen Erfahrung mit den Ausbrüchen in unserer Klinik kann ich sagen: Die allermeisten Erwachsenen sind deutlich symptomatisch. Bei nahezu allen liegen signifikant grippale Symptome vor. Bei vielen stellt sich in kurzer Zeit eine Dyspnoe ein. Die meisten sind ausgeprägt schlapp, leiden unter einer sogenannten Fatigue. Wir reden hier von Personen zwischen Ende 30 bis 65 Jahren.

Bis heute kam seitens der Politik nicht das kleinste Zeichen, dass eine erneute finanzielle Unterstützung der Kliniken und die Anordnung eines sofortigen Stopps sämtlicher elektiven Eingriffe und die Reduzierung der medizinischen Leistungen auf das Notwendigste auch nur angedacht wird. Man lässt die Krankenhäuser allem Anschein nach unreguliert und ungebremst gegen die Wand fahren. Es wird scheinbar den Geschäftsführungen und Vorständen die Steuerung der Titanic überlassen. Und der Eisberg liegt unmittelbar vor uns und ein Crash ist unausweichlich.

Doch statt konsequent zu reagieren und mit einer harten Vollbremsung den Einschlag zumindest so weit wie möglich abzufedern, schlägt die Politik andere Töne an:

Kaum hatte es der Gesundheitsminister angedacht und ausgesprochen, kamen immer mehr Politiker und Funktionäre aus den Löchern gekrochen und stießen in dasselbe erbärmliche Horn, zuletzt Dirk Heinrich, Bundesvorsitzender des Verbandes der niedergelassenen Ärzte Deutschlands: An Covid-19 erkrankte Kolleg*innen müssen, wenn Not herrscht, weiter am Patienten arbeiten. Wohlbemerkt kommen diese Vorschläge zu einer Zeit, an der in den meisten Krankenhäusern noch elektiv operiert wird.

Dabei wird bewusst nicht unterschieden zwischen asymptomatischen und symptomatischen Kolleg*innen. Soweit es der Gesundheitszustand zulässt, möge man dann unter Vollschutz und vollzeitig Covid-19 Patienten medizinisch versorgen. Niemand der Wortführer spricht nur eine Silbe von den damit verbundenen Risiken.

Bei Covid-19 handelt es sich um eine Erkrankung, bei der wir erst anfangen zu verstehen, was der Erreger mit dem Körper macht und welche insbesondere Langzeitfolgen diese Infektion hat. Jede Ansteckung mit SARS-CoV-2 stellt ein unabwägbares Risiko für den Betroffenen dar. Von mildem Verlauf bis zum raschen Tod ist alles möglich. Long-Covid, wie man den über Monate prolongierten Prozess der Erkrankung nennt, löst womöglich eine lebenslange gesundheitliche Beeinträchtigung mit daraus resultierender Erwerbsminderung oder -unfähigkeit aus. Nebenbefundlich resultieren für viele unweigerlich erhebliche wirtschaftliche Folgen bis hin zum persönlichen Bankrott.

Diese Volksvertreter und Funktionäre fordern, dass wir Ärzte und das Pflegepersonal unsere Gesundheit und das Leben sowie das der Patienten aufs Spiel setzen, um ein Gesundheitssystem am Laufen zu halten, dessen Niedergang und Scheitern sie durch ihre jahrzehntelange neoliberale Politik in weiten Teilen selber zu verantworten haben.

Das, sehr geehrte Damen und Herren, werde ich sicher nicht.

An dem Tag, an dem ich positiv getestet werde, legt meine Wenigkeit die Arbeit nieder. Mein Hintern opfere ich keinesfalls auf dem Altar des Gesundheitsmarktes. Ich sehe mich als Arzt dazu verpflichtet, im Zustand einer hochinfektiösen Erkrankung konsequent Abstand von Patienten zu halten. Mit Blick auf die in Betracht kommenden Langzeitfolgen ist es zwingend erforderlich, die bestmöglichen Rahmenbedingungen für eine Kuration zu schaffen. Ziel ist es, nach Möglichkeit unbeschadet aus der Krankheit zu kommen.

Die Gesamtheit der im Gesundheitswesen tätigen Mitarbeiter*innen haben euch all die Jahre gewarnt. Gebetsmühlenartig haben wir auf die Folgen der Sparpolitik hingewiesen. Wir haben protestiert, gemahnt, in Talkshows diskutiert, alarmiert und rumgemault. Niemand hat uns zugehört. Das Trugbild einer Allverfügbarkeit umfassender medizinischer Leistungen brannte sich bei vielen Patienten ein. 24/7 musste jedes Wehwehchen, eine jegliche noch so geringe Befindlichkeitsstörung instantly behandelt werden. Gelang das nicht, wurde das mit Pöbeleien und miesen Bewertungen in den sozialen Netzen quittiert. Der Krug geht solange zum Brunnen, bis er bricht. Seht ihr die Scherben?

Ich halte meinen Kopf nicht dafür hin, was ihr all die vielen Jahre gründlich verbockt habt. Wem das nicht gefällt, der kann ja eine schlechte Bewertung auf Jameda hinterlassen. Zumal ich gar keine Lernkurve erkenne, sondern einzig und allein ein Lavieren durch die Krise. Ja ok, jetzt ist eine Notlage, aber der Markt lebt weiter. Nach der Pandemie ist vor der nächsten Diskussion über Klinikschließungen und Stellenabbau. Dann erst Recht, denn viele Gesundheitseinrichtungen werden nach der Pandemie in wirtschaftliche Schieflage geraten sein und so eine Marktbereinigung war doch schon lange fällig, oder?

Ich wünsche den vielen Pflegekräften und allen Kolleg*innen für die nächsten extrem harten Monate sämtliche zur Verfügung stehende Kraft und bleibt bitte gesund!

Und wenn ihr euch infizieren solltet, dann bleibt gefälligst daheim!