Sitzt ein Bär in der Bundesärztekammer

Was der Allgemeinmediziner und Präsident der Bundesärztekammer Dr. med. Klaus Reinhardt in der gestrigen Talkshow Lanz vom Stapel gelassen hat, erweist allen aktuell hart arbeitenden Mitarbeiter*innen des Gesundheitssystems einen echten Bärendienst.

Seine erste Aussage schlägt dem Fass direkt den Boden aus:

„Ich würde die Situation in Deutschland als total kompensiert bezeichnen.“

– Dr. Klaus Reinhardt

Sowas behauptet jemand, der nur 1x in der Woche in seiner allgemeinmedizinischen Praxis in Bielefeld tätig ist und wahrscheinlich seit Ewigkeiten kein Krankenhaus mehr von innen gesehen hat. Geschweige denn eine Notaufnahme oder Intensivstation. Die Situation ist in sofern nicht ausbalanciert, als dass wir Mitarbeitenden des Gesundheitssystems bereits vor der Coronakrise buchstäblich am Limit gelaufen sind. Pflege- und Ärztemangel bestehen weiterhin. Die Gesamtlage wird sich in Anbetracht erwartbar steigender Infektionsraten bei medizinischem Personal verschlechtern. Da ist der im Herbst / Winter allgemein erhöhte Krankenstand nicht mit eingepreist. Und wenn man mit niedergelassenen Kolleg*innen spricht, ist die Lage in vielen Praxen jetzt schon gekippt. Und die Erkältungszeit nimmt in diesen Tagen erst Fahrt auf.

Den nächsten Kracher haut Dr. Reinhardt raus, nachdem Lanz ihn auf die steigenden Infektionszahlen anspricht und dies mittels einer Kurve untermauert.

„Das ist die Zahl der Neuinfektionen. Die sagt nichts darüber aus, wie viele Neu-Erkrankte sich darunter befinden und die sagt auch nichts darüber aus, wie viele Schwer-Erkrankte sich darunter befinden. Dass die Kurve ansteigt, sollte uns aufmerksam machen.“

– Dr. Klaus Reinhardt

Diese Aussage ist fachlich falsch. Das hat der geschätzte Kollege Prof. Dr. Drosten in einem Tweet treffend formuliert:

Ein kleiner, scheinbar notwendiger Exkurs zum Thema Infektion:

„Eine Infektion (wohl neuzeitliche Sekundärbildung[1] aus lateinisch īnficere ‚anstecken‘, ‚vergiften‘; wörtlich ‚hineintun‘) oder Ansteckung ist das (passive) Eindringen von Krankheitserregern in einen Organismus, wo sie verbleiben und sich anschließend vermehren. Konkret handelt es sich bei den Krankheitserregern um pathogene Lebewesen (z. B. Bakterien, Pilze, Parasiten) oder um Moleküle (z. B. Viren, Transposons und Prionen), die zum Überleben einen Wirt benötigen.[2] Krankheiten, die durch Ansteckung mit Krankheitserregern (Pathogenen) ausgelöst werden, werden als Infektionskrankheiten bezeichnet.“

Quelle: Wikipedia

Jede Infektion stellt eine Erkrankung dar. Der Körper ist infiziert und setzt sich immunologisch mit dem Erreger auseinander. Treten keine sichtbaren oder subjektiv erlebbaren Symptome auf, nennt man das eine subklinische Infektion.

„Subklinische Infektion: Die Abwehrmechanismen überwiegen und verhindern ein Ausbrechen der Krankheit. Durch Ausbildung einer sterilen Immunität oder kurzfristige Resistenzsteigerung wird der Erreger eliminiert. Die Infektion ist zeitlich begrenzt.“

Quelle: Wikipedia

Der positiv getestete Patient muss meiner Ansicht nach zwingend als passager krank angesehen werden und sich schonen und auskurieren. Keinesfalls sollte er als gesund gelten und, wie es besonders im Gesundheitssektor derzeit oft praktiziert wird, arbeiten gehen. Denn Stress und sonstige den Organismus beeinträchtigende Faktoren können dazu führen, dass aus einem subklinischen Verlauf ein symptomatischer wird, der ggf. komplikativ verläuft.

In der weiteren Diskussion folgt dann das eigentliche und meiner Meinung nach deutlich zu verurteilende Highlight der ganzen Sendung. Dr. Reinhardt behauptet schlicht, für den Nutzen von Alltagsmasken in jeder Lebenslage gebe es „keine wissenschaftliche Evidenz“. Er sei von der Maskenpflicht deshalb nicht überzeugt. Mehrfach betont er dabei, dass er diese Äußerung als Privatperson und nicht als Präsident der Bundesärztekammer tätige. Das fand Herr Lanz mehr als befremdlich.

„Hier sitzt gerade der Präsident der Bundesärztekammer und sagt, es gibt keine Evidenz für Masken – ich halte das noch einmal fest.“

– Markus Lanz

Das hielt Dr. Reinhardt nicht davon ab, weiter auszuholen und gar von einem Vermummungsgebot zu sprechen. Er verglich die jetzige Diskussion um die Maskenpflicht absurderweise mit den Antiterrormaßnahmen der 70er Jahre und dem seinerzeit resultierenden Vermummungsverbot.

„Ich sehe schon auch Probleme dabei und ich finde, dass wir darüber nachdenken dürfen in der Gesellschaft, ob die Vermummung ein Standard werden muss.“

– Dr. Klaus Reinhardt

Es gibt durchaus deutliche wissenschaftliche Belege für eine Wirksamkeit des Mund-Nasen-Schutzes in der aktuellen Pandemiesituation und gegen Covid-19.

Die größte Studie zu dem Thema, die ich auf Anhieb gefunden habe, ist die Metaanalyse von Holger Schünemann, Medizinprofessor in Kanada.

Physical distancing, face masks, and eye protection to
prevent person-to-person transmission of SARS-CoV-2 and
COVID-19: a systematic review and meta-analysis
Derek K Chu, Elie A Akl, Stephanie Duda, Karla Solo, Sally Yaacoub, Holger J Schünemann, on behalf of the COVID-19 Systematic Urgent Review Group Effort (SURGE) study authors*

Die hat letztlich sogar dazu geführt, dass die WHO das Tragen des MNS im Alltag an öffentlichen Orten mit hoher Übertragungsrate, wo ein Abstandhalten nicht gut möglich ist, empfiehlt. Der Mund-Nasen-Schutz kann in diesem Fall einen Beitrag leisten, die Ansteckungen mit Covid-19 zu reduzieren und die Pandemie einzudämmen, so die WHO. Laut Professor Schünemann et al. senken Masken das relative Risiko, sich zu infizieren, um etwa 80 Prozent. In einem Interview mit der Berliner Zeitung im August 2020, welches ich empfehle, erläutert Professor Schünemann die Schwächen und Stärken seiner Metaanalyse.

https://www.berliner-zeitung.de/gesundheit-oekologie/experte-es-war-nicht-einfach-die-schutzwirkung-von-masken-zu-beweisen-li.96920?fbclid=IwAR3DzGKSU-1JNSH6xZNEPPG70hF3Xi8PQMNHwS1njemVKM-9J1WGQAlRgc0

Wie kann der Präsident der Bundesärztekammer behaupten, es gäbe für die Maskenpflicht in der Öffentlichkeit keine Evidenz, wenn selbst die WHO diese weltweit empfiehlt? Offenbar war er sich der Tragweite seiner Äußerung durchaus bewusst, sonst hätte er nicht mehrfach betont, dass es sich um seine private ärztliche Meinung handelt. Er wies in dem Zusammenhang explizit darauf hin, dass er nicht anstrebt, zur Galionsfigur der Maskengegner zu werden. Diesen ersichtlichen Widerspruch und die dem inne wohnende Gefahr sprach Markus Lanz treffsicher an:

„Herr Reinhardt, seien Sie mir nicht böse, aber so wie sie sich gerade ausgedrückt haben, kann man sie mindestens missverstehen und das kann man morgen auf der Demo nehmen und sagen, das mit den Masken ist echt schwierig.“

– Markus Lanz

Das man als Präsident der Bundesärztekammer die Privatmeinung nicht von der Position trennen kann, schon einmal gar nicht im Format einer Talkshow, hat der Kollege Steffen Veen, Anästhesist und Vorstandsmitglied der Ärztekammer Nordrhein in einem Tweet auf den Punkt gebracht:

Nicht wenige fordern aus diesem Grund bereits öffentlich den Rücktritt von Dr. Klaus Reinhardt, allen voran Professor Karl Lauterbach, MdB.

Was ich persönlich mindestens genauso befremdlich finde ist, dass Dr. Reinhardt das Risiko von jungen Menschen als niedrig einschätzt, wohingegen er Risikopatienten und älteren Menschen das Tragen von FFP 2 Masken nahelegt. Wir wissen mittlerweile aus einer Vielzahl von Studien, dass es bei ca. 30% der Erkrankten zu einem komplizierten Verlauf kommt, der oftmals in das Auftreten von Langzeitschäden mit monatelanger Rekonvaleszenz mündet. Da sind junge Patienten ausdrücklich nicht ausgenommen. Wir wissen, das Covid-19 eine Multisysteminfektion ist, die eine Vielzahl von anhaltenden Organschäden verursachen kann. Neueste Fallbeispiele zeigen unter anderem auch ein erhöhtes Risiko für Früh- und Fehlgeburten bei Schwangeren und teils auch intrauterine Infektionen. Das alles muss man in die Gesamtbetrachtung mit einbeziehen und ich hätte mir vom Präsidenten der Bundesärztekammer hier eine deutliche Differenzierung gewünscht und keine „Schwurbelei“ auf Stammtischniveau. Die öffentlich geäußerte Diskreditierung der allgemeinen Maskenpflicht ist ein Schlag ins Gesicht all derer, die sich täglich intensiv mit dem Thema beschäftigen und in einer schier nicht enden wollenden Sisyphos-Arbeit immer wieder auf allen Kommunikationskanälen erklären, aufklären, ermahnen und warnen.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis mir der erste Patient sagt „Aber selbst der Präsident der Bundesärztekammer hat gesagt…“ und soviel PPI kann ich nicht fressen, um das auf Dauer zu ertragen.

Liebe Kolleg*innen und Pflegenden – bleibt stark und vor allem: Bleibt gesund!

9 Kommentare zu „Sitzt ein Bär in der Bundesärztekammer

  1. Meine vollumfängliche Zustimmung sowohl zu der Ausführung, dass die sogenannten Alltagsmasken einen unverzichtbaren Beitrag zur Vermeidung von Infektionen leisten, als auch zu der Bewertung, dass es ein Ding der Unmöglichkeit ist, sich als Funktionsträger auf eine öffentliche Plattform einladen und der Öffentlichkeit vorstellen zu lassen und dann seine Privatmeinung vorzutragen.
    Dr. Reinhardt hat das auf Nachfrage des Moderators sogar reflektiert. Er hat seine Funktion als Kammervorsitzender bewusst genutzt, um nicht zu sagen mißbraucht, um seine Privatmeinung an ein Millionenpublikum zu richten, obwohl ihm klar war, dass er als Privatmann in diese Sendung nicht eingeladen worden wäre.

  2. Hat dies auf Magdas WordPress rebloggt und kommentierte:
    Ich finde es gut, dass es eine dezidierte Auseinandersetzung mit den Aussagen von Dr. Reinhardt gibt. Merkwürdig fern von der sozialen Verantwortung war das.

  3. Aus tiefstem Herzen Danke!
    Spricht mir aus der Seele-aber vor allem aus meinem Verstand!
    Fühle mich nicht von Herrn Reinhardt als Ärztin vertreten und das Verhalten in einer Talkshow bei dem jetzigen Stand der Entwicklung dieser Pandemie ist ein „Bärendienst“-auch zuvor wäre er es gewesen-etwas,nur minimal mehr Faktencheck und Hinterfragen dieses Biergartentischniveaus erwarte ich von jedem Medizinstudenten,geschweige denn eines approbierten Arztes

  4. Die Kommunikation von Dr. Reinhardt ist durchaus kritisierenswert.
    Aber eine Infektion ist keine Erkrankung: „Infektion ist nicht Infektionskrankheit, kann aber zur Infektionskrankheit führen.“ (Fachwörterbuch Infektionsschutz RKI, https://www.rki.de/DE/Content/Service/Publikationen/Fachwoerterbuch_Infektionsschutz.pdf?__blob=publicationFile).
    Von daher ist aus Public Health Sicht eine weitere Differenzierung durchaus wünschens- und erstrebenswert. Bei anderen Infektionskrankheiten fordern wir auch zur Erfüllung der Falldefinition eine klinische Symptomatik. https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/IfSG/Falldefinition/Downloads/Falldefinitionen_des_RKI_2019.pdf?__blob=publicationFile Vor allem ist diese die Grundlage jemanden als erkrankt zur kategorisieren und zu behandeln.
    Zu Masken in der Community gibt es für den Endpunkt Infektionen keine klare Evidenz. Eine weitreichende Zusammenfassung der Studienlage findet sich beim Norwegian Public Health Institute (https://www.fhi.no/globalassets/dokumenterfiler/rapporter/2020/should-individuals-in-the-community-without-respiratory-symptoms-wear-facemasks-to-reduce-the-spread-of-covid-19-report-2020.pdf) Auch die WHO-Empfehlung weißt klar auf diesen Umstand hin. Hier eine abweichende Bewertung der aktuellen Studienlage zu verurteilen, sollte in meinen Augen nicht der Tenor sein. Eine Diskussion hierüber und das hinweisen auch auf den nicht messbaren Erfolg der Maßnahme in den aktuell laufenden „Feldstudien“ (Argentinien, Mexiko, Spanien, etc.) ist durchaus legitim. Die Studie von Prof. Schünemann beinhaltet zwei Studien mit Effekt zu „non-healthcare-settings“ und Masken zu SARS, eine mit Haushaltskontakten (Lau et al. 2004) und eine basiert auf einem Interview bei wenigen Fällen in China mit den bekannten Limitationen (Wu et al. 2004). Alle anderen eingeschlossenen Studien betrachten „healthcare-settings“.
    Zu guter Letzt ist das Risiko für Personen unter 60 Jahren gering, geringer als bei vielen anderen Infektionserkrankungen und Gesundheitsrisiken. Langzeitfolgen in dieser frühen Phase der Pandemie anzuführen und hier von 30% zu sprechen ohne eine Kontrollkohorte und wirkliche Langzeitdaten zu haben, ist in meinen Augen nicht wissenschaftlich und sehen wir bei vielen Infektionskrankheiten auch.

  5. Lieber Kollege, bin ganz der Meinung wie Sie: so eine Situation in öffentlichen TV derartig zu verunstalten, ist nicht akzeptabel. Ich war an diesem Abend erst baff, glaubte nicht was ich dort sah/hörte. Wurde dann aber immer mehr ärgerlich über diese Art, als Fachmann und Repräsentant der Allgemeinmedizin so ein öffentliches Portal für solche unangemessene Äußerungen zu benutzen. Verantwortungslos.

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