MadeByTwitter – Licht und Schatten eines Kurznachrichtendienstes

Auf Twitter wurde die Tage mal wieder eine Sau durch die Gassen getrieben. Nein, Moment! Eigentlich waren es zwei Säue. Doch eines nach dem anderen.

Fangen wir mit der ersten „Sau“ an.

Der geschätzte @Moltroff , seines Zeichens engagierter Twitterer, setzte sich an die Spitze einer Bewegung, die sich gegen die Veröffentlichung des Buches “Ich brauche einen neuen Wecker. Meiner klingelt immer, während ich schlafe: Sprüche, die dir den Tag retten” aus dem Riva-Verlag richtete. Veröffentlicht wurde das Buch durch die Made my Day GmbH, die allseits bekannt ist von der Facebook-Seite „Made My Day“, welche mittlerweile an die 2,5 Millionen „Follower“ hat und dadurch glänzt, dass sie nahezu ausschließlich Tweets von Twitter kopiert und diese ohne Angabe der Quelle oder des Verfassers veröffentlicht.

Details und Einzelheiten mag man dem ausführlichen Blog http://moltroff.wordpress.com/2014/12/10/gedankenhehlerei-2-0-copy-my-day/ entnehmen. Da steht alles drin, was man zu dem Fall wissen muss.

Mein persönlicher Beitrag zu dieser Treibjagd durch das Internet und die Untiefen des Urheberrechts war lediglich die Veröffentlichung einer negativen Rezension auf der Verkaufsseite von Amazon sowie der Hashtag #madebytwitter , unter dem sich fortan Gleichgesinnte im Kampf gegen den dreisten und kommerziellen Tweetklau organisieren konnten. Ansonsten zog ich mich aus dieser Angelegenheit weitestgehend zurück.

Nun, man darf und muss dem Moltroff hier an dieser Stelle gratulieren. Mit fast schon an Fanatismus grenzenden Beharrlichkeit hat er es geschafft, dass die Produktion und der Vertrieb des Buches seitens des Riva-Verlages eingestellt wurde. Auf Amazon wird das Buch nicht mehr gelistet.

In der Sache habe ich Moltroff immer unterstützt. Ich war und bin dagegen, dass jemand wie ein Alex J. Bitschnau, der Geschäftsführer der Made My Day GmbH, mit einem lächerlichen geringen Aufwand die geistigen Leistungen Dritter in bare Münze verwandelt, ohne die Urheber daran finanziell zu beteiligen. Der damit erwirtschaftete Betrag dürfte nicht allzu gering sein. Es kursieren im Netz Vermutungen, das Herr Bitschnau monatlich mindestens einen fünfstelligen Eurobetrag alleine nur durch Werbeeinnahmen umsetzt. Er ist dabei noch nicht einmal, oder vielleicht gerade deswegen bereit, eine simple Quellenangabe unter die Sprüchebildchen zu setzen und gibt sie damit schlicht als seine eigene Leistung aus. Und alleine das verstösst gegen die einfachsten Regeln von Anstand und Moral. Und eben auch in vielen Fällen gegen das geltende Urheberrecht.

Doch kommen wir zur zweiten „Sau“.

Inmitten dieses epischen Kampfes „David von Twitter“ gegen den Goliath der Sprüchebildchen fing die Lichtgestalt Moltroff an zu flackern. Grund waren mehrere Tweets von @Jedi_am_Mittag , die den Moltroff schlicht des Tweetklaus beschuldigten.

In diesem, von mir retweetet, wie auch in sechs weiteren Tweets listete @Jedi_am_Mittag Tweets auf, die der Moltroff augenscheinlich bei anderen Twitterern „geklaut“ hat. Ich habe das selber nachgeprüft und die Vorwürfe waren soweit ich das beurteilen konnte valide. Allerdings war es mir natürlich nicht möglich zu eruieren, ob die vermeintlichen „Urheber“ der Tweets diese nicht auch irgendwo kopiert haben, sei es bei anderen Twitterern oder irgendwo im weltweiten Internetz.

Ich war im ersten Moment sprachlos. Und ich war wütend. „Das darf doch wohl nicht wahr sein!“ waren meine ersten Gedanken. Aus dieser anfänglichen Verärgerung resultierte auch der Retweet. Danach ließ ich die Sache erstmal auf sich ruhen. Gestern beschloss ich dann, den Moltroff einfach mal anzuschreiben und ganz persönlich um eine Stellungnahme zu bitten.

Und stellte fest, dass er mich geblockt hat. Aha. Der getroffene Maulwurf.

Schnell war klar: Ich war nicht der Einzige. Und er hatte in der Zwischenzeit auch alle verfänglichen Tweets gelöscht. Eine reine Weste dank dem Einsatz von hochkonzentrierter Chlorbleiche? Die Vorgehensweise mutet fast schon totalitär an. Kritiker mundtot machen, Beweise vernichten und sich von gutgläubigen Anhängern feiern lassen. Sowas kennt man sonst nur von prominenten Personen der aktuellen Zeitgeschichte. Exemplarisch sei hier der türkische Präsident Erdogan als einer von vielen  genannt.

Da befinde ich mich nun, und vielleicht geht es ja dem einen oder anderen Leser ähnlich, in einer echten Zwickmühle der moralischen Art. Auf der einen Seite bewundere ich das Vorgehen Moltroffs und seine beachtlichen Erfolge gegenüber der Made My Day GmbH und möchte diese nicht schmälern. Auf der anderen Seite verurteile ich seine eigene Tweetklauerei und vor allem sein Vorgehen gegenüber Kritikern seit der Aufdeckung derselbigen. Ich lasse mich dazu hinreissen, es nur ungeschickt zu nennen. Und ich habe mich vor allem gefragt: Warum klaut der Moltroff Tweets, geht aber auf der anderen Seite so vehement gegen Tweethehlerei vor? Das macht doch überhaupt keinen Sinn.

Da kam mir in den Sinn, dass er womöglich diese Tweets gar nicht wissentlich geklaut hat. Eventuell hat er dieses Sprüche bei derselben dritten Quelle gemopst wie der vermeintliche Urheber der Sprüche. Möglicherweise ist der Sprücheklau verbreiteter als man denkt. Das Internet ist voll von Sprüche- und Witzeseiten und in den wenigsten Fällen wird der Urheber eines Spruches oder Witzes genannt. Ich vermute aus dem Grund, dass er schlicht nicht bekannt ist. Wer kennt schon die Verfasser all der ganzen „Mein Name ist Hase“-Witze oder der Ostfriesen-Witze oder…oder…oder. Ich kann mir gut vorstellen, wie das läuft, wenn man mit einem guten Tweet glänzen will, die Muse aber gerade ihre Tage hat und unwillig ist, einem den Zungenkuss der Kreativität zu geben.

Ich habe nämlich schon selber Sprüche geklaut und werfe nun den ersten Stein:

Den zum Beispiel hat mir ein Kumpel erzählt:

Den hier habe ich auf einer Witzeseite geklaut:

Das sind nur zwei Beispiele, die mir spontan eingefallen sind. ich lade sie alle ein, selber nachzuforschen, ob sich unter den knapp 29K Tweets nicht noch weiteres Plagiat findet.

Der Moltroff hat fatalerweise das getan, was Maulwürfe am besten können: Er hat sich vergraben und nicht den Dialog gesucht. Er ist unglücklicherweise nicht offen mit seinen Fehltritten umgegangen. Dies hat bei den Followern zu dem unvermeidlichen Eindruck geführt, er habe was zu verbergen. Das ganze Gute, dass er vollbracht hat, hat ein gewisses „Geschmäckle'“ bekommen. Viele Follower haben in der Folge ihre Unterstützung für die sinnvolle Aktion eingestellt. Leider.

Wir sind uns sicherlich alle einig, dass das die schlechteste aller Strategien in so einer Situation ist. Besser wäre es in so einem Fall, die Verfehlungen einzugestehen und idealerweise sogar die Gründe zu benennen. Jeder Mensch macht Fehler. Offenheit gegenüber den eigenen Vergehen ist meist die beste Strategie, den Kritikern und Hatern rasch den Wind aus den Segeln zu nehmen und die raue See wieder zu beruhigen.

Ich kann nur für mich ganz persönlich sprechen: Meiner Ansicht nach ist es noch nicht zu spät, den Dialog zu suchen und offen auf die Kritiker zuzugehen. Ich bin mir sicher, es würde sehr positiv aufgenommen werden.

3 Kommentare zu „MadeByTwitter – Licht und Schatten eines Kurznachrichtendienstes

  1. Den Dialog zu suchen ist wahrscheinlich die sinnvollste Reaktion.
    Nur niemand, der einem Shitstorm ausgesetzt ist, reagiert unter diesem Druck vernünftig und strategisch ‚richtig‘. Das ist nur allzu menschlich.
    Und dass man in dieser Situation nicht gewinnen kann, habe ich schon in meinem Text vom 10.12. vorausgesagt.

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