Vorurteile

Mein Sohn kommt nach den Sommerferien in die 5. Klasse und damit auch in eine neue Schule. Vor einigen Tagen gab es dort nun eine mehrstündige Infoveranstaltung. Schüler und Eltern waren eingeladen worden, um die neuen Klassenlehrer kennenzulernen und um wichtige grundsätzliche Infos mit auf den Weg zu bekommen.

Zu Beginn wurden die Schüler in ihre neuen Klassen eingeteilt und verschwanden danach für ca. 2 Stunden in ihren neuen Klassenräumen.

Ich stand ganz hinten in der dortigen Aula und beobachtete das Geschehen. Sofort fiel der extrem hohe Ausländeranteil von weit über 95% auf. Die Schulleiterin lass mühevoll die einzelnen, für mitteleuropäische Stimmbänder zum Teil unaussprechlichen Namen vor. Mein erster Gedanke war sofort:“Na prima, das kann ja was werden!“. Wir wussten wohl, dass der Ausländeranteil aufgrund der Schullage hoch sein würde. Das aber in der 5. Klasse gerade mal eine Handvoll deutscher Schüler sein würde, das erstaunte mich doch etwas. Ich gestehe, der Gedanke gefiel mir nicht. Sofort keimten diverse von Vorurteilen behaftet Gedanken auf. Schleppender Unterricht aufgrund der vielen Sprachbarrieren. Kriminalität und Gewalt. Interkulturelle Probleme. Diffuse Befürchtungen, viele in diversen Rettungsdiensteinsätzen in sozialen Brennpunkten begründet. Ich ging mir mit all diesen konservativen Vorurteilen selber auf den Keks. Nie habe ich mich deutscher gefühlt als in dem Moment.

Wir hatten uns die Schule bewusst ausgesucht, weil es sich um eine Gesamtschule nach dem Modell NRW handelt. Insbesondere die flexiblen Wechselmöglichkeiten zwischen den Schulformen sprach uns an. Wir wissen noch nicht genau, wohin unser Sohn sich schulisch entwickelt und wollten ihm alle Möglichkeiten offen halten und ihn nicht zu sehr unter Druck setzen. Er sollte einfach noch länger die Wahl haben. Einen hohen Ausländeranteil sahen wir nie als Problem. Im Gegenteil, die frühe Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Kulturen und Gepflogenheiten sollte aus ihm eher einen toleranten, einen kosmopolitischen Menschen machen. Bereits jetzt sind fast alle seine Freunde Immigranten.

Doch was, wenn er eine absolute Minderheit ist? Kann das gut gehen?

Irgendwann war Pause und in der Eingangshalle der Schule wurden Getränke und Gebäck gereicht. Ich holte mir einen Kaffee und ließ die Blicke schweifen. Babylonisches Sprachengewirr umhüllte mich akustisch. Es waren mindestens 20-30 verschiedene Nationen in diesem Raum vertreten. Und um so länger ich mich dort aufhielt und die Szenerie auf mich wirken ließ, um so geringer wurden die Unterschiede. Stück für Stück zog ich meinen Schutzschild auf Vorurteilen zurück, entspannte mich mehr und mehr. Ich kam mit einigen Eltern ins Gespräch. Fast alle sprachen fliessend Deutsch, waren freundlich und aufgeschlossen. Es wurde viel gelacht, die Stimmung war gelöst. Plötzlich fand ich meine Gedanken von vor einer halben Stunde ziemlich idiotisch. Ich schämte mich fast dafür. Und während ich diese Gedanken hier niederschreibe, erinnere ich mich an meine erste Klasse in der Grundschule: Wir waren ca. 20 Kinder, fast nur deutsche und einige wenige türkische Kinder. An einem Tisch sassen 3 türkische Mädchen. Wenn man den Unterricht gestört hatte, und das tat ich verdammt oft, wurde man strafweise umgesetzt. Grundsätzlich an den Tisch mit den türkischen Mädchen. Das war für mich damals die höchste Pein. Mädchen. Türkinnen. Fremde. Ich hielt es kaum aus. Die waren so anders. Man sah es ihnen an. Und ich musste mit denen an einem Tisch sitzen. Grausam.

Heute muss ich darüber lächeln. Und mich ein bisschen wundern, wie das überhaupt zustande kam. Scheinbar ist die Angst vor dem Fremden, vor dem Anderssein eine Grundveranlagung des Menschen. Die einzige Möglichkeit, dem zu begegnen, ist die positive Konditionierung von Kindheit an. Wenn ich mir meinen Sohn angucke, wie völlig unbeschwert und sicher er sich innerhalb all dieser Kulturen bewegt, bewundere ich ihn dafür. Ihn an einen Tisch mit drei türkischen Mädchen zu setzen, stellt für ihn keine Bestrafung dar. Im Gegenteil, vermutlich ist er sowieso in eine von denen verknallt.

Der Mensch ist auch ein Gewohnheitstier. Wir gewöhnen uns mit der Zeit an alles. Ich habe sehr gute Freunde, die eine Sehbehinderung haben. Diese Behinderung ist augenscheinlich – für andere. Ich kenne die mittlerweile so gut und so lange, dass ich die meiste Zeit vergesse, dass sie diese Behinderung haben. Ich nehme es gar nicht mehr wahr. Immer wieder kommt es vor, dass ich daran erinnert werden muss in bestimmten Situationen.

Ein anderer Freund stottert. Ziemlich ausgeprägt. Es hat nur wenige Tage gedauert, da habe ich es nicht mehr bemerkt. Es ist normal geworden. So redet der eben. Ist was?

Genauso ist es auch mit Menschen aus anderen Ländern und Kulturkreisen. Am Anfang nimmt man sehr stark die Unterschiede wahr. Doch sehr schnell verblassen diese Unterschiede und man nimmt verstärkt die Gemeinsamkeiten wahr. Man nähert sich an. Mensch sein ist der gemeinsame Nenner. Da gibt es keinen Unterschied. Die Unterschiede bestehen nur in unserer individuellen Wahrnehmung, in unserer Prägung von klein auf an. Menschen betonen stets ihre kulturellen Wurzeln, ihre Identität. Doch diese macht doch eigentlich erst im Kontext zu all den anderen reichhaltigen Kulturen weltweit Sinn. Die Vielfalt ist unser grösstes Potential auf diesem Planeten.

Wir leben in einer multikulturellen Gesellschaft und wir sind ein Einwanderungsland. Wir brauchen Einwanderer. Wir müssen lernen, unseren Platz in dieser Gesellschaft zu finden und mit all diesen Menschen zu leben, die auch ihren Platz finden müssen. Einen gemeinsamen Nenner zu finden. Die Gemeinsamkeiten rausarbeiten. Die Stärken und Talente fördern statt die Schwächen zu betonen.

Hier möchte ich euch noch einen passenden Filmbeitrag von ZDF Neo ans Herz legen:

ZDF Neo: Der Rassist in uns

4 Kommentare zu „Vorurteile

  1. Wirklich wissen wie es ist, als Ausländer in einem anderen Land zu leben, das weiß man erst, wenn man es selbst erlebt hat. Ich hatte in meinem leben bisher wenig „ausländische“ Freunde. Mir ist es völlig gleichgültig wo ein Mensch herkommt, auch wenn ich einige negative Erlebnisse im Bereich des Rettungsdienstes hatte.

    Jetzt lebe ich in der Schweiz und bekomme hautnah zu spüren, wie es ist nicht gemocht und ausgegrenzt zu werden.

  2. Was für ein schönes Statement! Und ich kann nur bestätigen: Die Immigranten, die ich aus Kindergarten und Grundschule kenne, ausnahmslos freundlich, engagiert, kinderlieb und – humorvoll. :O)

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