Die dunkle Seite der Macht

Seit einiger Zeit, um genauer zu sein seit ziemlich genau einem Monat spiele ich ein Spiel. So eines von diesen App-Spielen, die man sich im Appstore eines nicht näher genannten Smartphone-Devices Hersteller runterladen kann. In diesem Spiel geht es darum, eine Stadt in einem Königreich auszubauen, zu forschen, Truppen zu bauen, Ressourcen zu sammeln und so weiter und so fort. Gleichzeitig hat man einen Helden, der im Verlauf der Zeit besondere Fähigkeiten erwirbt, die der Entwicklung der Stadt oder der Kampfkraft der Truppen zugute kommt. Jeder von euch kennt diese Spiele auf die eine oder andere Art. Bei dem Spiel handelt es sich um ein sogenanntes PvP-Spiel, übersetzt Player vs. Player. Man kann also auch andere angreifen, ihre Truppen verwunden oder gar töten sowie Ressourcen und wertvolle Gegenstände erbeuten. Man kann aber auch Nachrichten verschicken und in diplomatischen Kontakt treten. Und da man alleine meistens nicht so stark ist, kann man sich zu Allianzen zusammenschließen, wo bis zu maximal 100 Spieler gemeinsam dieses Spiel spielen. Man kann innerhalb der Allianz Ressourcen tauschen, gemeinsame Angriffe gegen andere feindliche Spieler durchführen oder Verstärkungstruppen schicken, wenn ein Alliierter angegriffen wird. Eine Allianz wiederum kann das sogenannte Weltwunder in der Mitte des Königreiches erobern und wird damit zur herrschenden Allianz mit dem Allianzführer als König, was wiederum einige Vorteile freischaltet.

Dieses Spiel hat eine Besonderheit, die ich explizit erwähnen muss: Es handelt sich um ein Pay-to-win Spiel. Ich erkläre das kurz mal: Wenn man baut und forscht und das alles, wird man rasch besser und erreicht höhere Level, die wiederum bessere Forschungen, Bauten und das alles freischalten. Bauen & Co. kostet Zeit. Umso höher die Stufe einer Forschung oder eines Gebäudes, umso länger dauert es. In den höheren Stufen teils tagelang. Es sei denn, man erwirbt als In-App Kauf Gold. Mit diesem Gold kann man sich vielerlei Vorteile wie Zeitbeschleunigungen etc. kaufen, um schneller vorwärts zu kommen. Und das ist nicht billig, im Gegenteil.

Jetzt gibt es in meinem Königreich einige Spieler, die ganz augenscheinlich über sehr viel Geld verfügen bzw. dieses in das Spiel investieren, um sehr schnell zu wachsen und nach Möglichkeit direkt zu Beginn das Weltwunder zu erobern. Diese Spieler hatten bereits nach wenigen Tagen das höchste Level erreicht und besetzen mit ihrer Allianz seitdem das Weltwunder und regieren somit über das Königreich. Nur grob überschlagen müssen diese Spieler tausende, wenn nicht gar zehntausende an Euro investiert haben, um dieses Spielniveau zu erreichen.

Diese Spieler mit ihrer innerhalb dieses Spiels nahezu unerreichbaren Macht haben Allianzen gegründet und gepusht und dominieren nun mit einem guten dutzend Schwesterallianzen und einigen hundert Mitstreitern dieses Königreich nach Belieben. 

Ich bin ein Mitglied dieser dominanten Allianzen.

Das war indes nicht immer der Fall. Zu Beginn hatte ich kaum Ahnung und dümpelte in einer sehr mittelmässigen Allianz rum. Ich investierte kaum in Gold, sondern versucht ohne dessen Hilfe zu wachsen. Das gelang mehr schlecht als recht und ich muss es eigentlich nicht extra erwähnen, dass ich (wir) natürlich regelmässig von den herrschenden Allianzen auf die Mütze bekamen. Das teilweise so oft, dass die Spielfreude dadurch recht getrübt wurde, weil man schier nie eine Chance gegen diese Übermacht hatte. Irgendwann zerstritten wir uns und ich trat entnervt aus der Allianz aus. Und aus einem Gedanken des Trotzes heraus bewarb ich mich bei den Herrschenden und wurde aufgenommen. 

Und das änderte alles.

Plötzlich musste ich keine Angst mehr haben. Keine Angst mehr vor nächtlichen Überfällen auf meine Stadt oder auf meine Truppen, die friedlich auf einem Ressourcenfeld sammelten. Keine Drohungen mehr, keine Feldzüge. Der Allianz-Tag in meinem Namen reichte völlig aus, um jegliches Ungemach von mir fern zu halten. Andere gegnerische Spieler begegneten mir mit Ehrfurcht. Oder mit Hass, je nachdem, welche Erfahrungen sie im Vorfeld mit uns gemacht hatten. 

Ich fand mich rasch zurecht und wuchs schnell. Um mithalten und den gestellten Anforderungen gerecht werden zu können investierte ich auch den einen oder anderen Euro in Gold. Das erschien mir plötzlich völlig sinnhaft für ein Spiel ohne ständige Angst. Ich fühlte mich immer mächtiger und reagierte auf kleinste Provokationen gegnerischer Spieler mit aller Härte. Kam ich alleine nicht klar, waren sofort andere meiner Allianz zur Stelle und gemeinsam wurde der Feind mit brutaler Härte „genullt“, wie es die Allianzführer gerne nannten, was nicht anderes bedeutet, dass man solange drauf haut, bis der andere keinen einzigen Soldaten mehr hat. Wir wurden berühmt berüchtigt.

Nun liegt es in der Natur des Menschen, dass er immer mehr will. Im Rahmen sogenannter Kill-Events kann man Punkte für jeden getöteten oder verletzten gegnerischen Soldaten sammeln und die stärksten Allianzen bekommen am Ende dieser meist dreitägigen Events stolze Gold-Preise. Somit wurde der Ton innerhalb der Allianz rasch rauer. Es gibt dort den Anführer. Dann gibt es Generäle. Dann Kommandanten. Jeder bekam im Laufe der Zeit Aufgaben zugeteilt. Membergruppen wurden gebildet und jeder bekam einen Ansprechpartner mit der Bitte, erst diesen bei Problemen etc. zu kontaktieren und nicht die Generäle oder gar den Führer selbst. Es wurden immer mehr und in immer kürzeren Abständen Zielvorgaben erlassen, die mit Deadlines versehen wurden. Mehr Punkte. Mehr Kills. Ständig droht der Rauswurf aus der Allianz. Und das will man ja auf jeden Fall vermeiden, denn dann wäre man ja wieder der Angst und der Unsicherheit ausgeliefert. Man wäre wieder ein „Niemand“. 

Letztes Wochenende war wieder eines dieser Kill-Events und verdammt ja, ich schlug mich gut. Ich tötete und metzelte was das Zeug hielt und war gegen Ende in der Top Ten der Allianz, was die Zahl der Kills betraf. Ich hatte eine ganz eigene Strategie entwickelt, Gegner auszuschalten und sie zu überraschen. Ich hatte meine eigenen Jagdgründe und jagte nur alleine. Effektiv. Tödlich. Ich fühlte mich gut, ich fühlte mich sicher. Meine Position innerhalb der Allianz? Mit den Ergebnissen sicherlich gefestigt. So dachte ich.

Nun kam die Mutterallianz, also die Könige dieser Welt auf einen genialen Gedanken: Warum sich die Mühe machen und Truppen losschicken, wenn man doch die Untergebenen anweisen kann, schwache und leicht zu tötende Truppen gegen sich schicken zu lassen, um so leicht und ohne Aufwand Kills zu bekommen? Gesagt – getan!

So erhielt ich und alle anderen per Mail die Order, es möge doch bitte bis zum Ende des Events ein jeder von uns einige tausend Truppen der niedrigsten Klasse ausbilden und diese dann gegen einen bestimmten Angehörigen der Königsklasse in den sicheren Tod schicken. 

Jetzt war ich zwar effektiv am töten, aber trotzdem hatte ich natürlich Verluste hinnehmen müssen und der Gedanke, jetzt auch noch Truppen für nichts und wieder nichts zu bauen, stank mir gewaltig. Es regte sich Widerstand und ich war nicht der Einzige. 

Doch Widerstand, der sich regt und Widerstand, der nach außen getragen wird, sind zwei unterschiedliche Paar Schuhe. Es wurde zwar hinter vorgehaltener Hand gemurrt und geknurrt, doch rasch schwoll ein mächtiger, nie enden wollender Strom an angreifenden Truppen an, die von des Königs Hand im Akkord hingerichtet wurden. 

Wer mich nun kennt weiß, dass ich selten mein loses Mundwerk halten kann. Das hat mir auch schon oft so einige Probleme eingebracht, doch ich kann stets jeden Morgen aufrecht in den Spiegel schauen und muss den Blick nicht senken. Und schon mal gar nicht halte ich meinen Mund, wenn es um so was belangloses geht wie ein Browserspiel. Also trug es sich am gestrigen Abend wie folgt zu…

Ich erwähnte in dem Allianzchat, dass es mir derzeit aufgrund einiger Truppenverluste nicht so recht in den Kram passt, jetzt minderwertige Truppen auszubilden und diese zum König zu schicken. Ich ließ auch meine Topleistung nicht unerwähnt und sah das als ausreichende Entschuldigung dafür an, der geforderten Opfergabe an den König dieses Mal nicht nachzukommen. Sofort meldete sich der erste Bedenkenträger zu Wort und gab zu Protokoll, dass es nicht ganz so schlau wäre, dieses so offen zu erwähnen und das die Verantwortlichen der Allianz dieses vielleicht nicht so toll finden. Ich erwiderte, dass es einfach nicht logisch sei, Energie auf diese Abgabe zu verwenden und dabei das Ziel, dass Event und damit das Gold zu gewinnen aus den Augen zu verlieren. Die Diskussion ging ein wenig weiter und ich hatte für mich schon beschlossen, die Abgabe nicht zu leisten, als sich plötzlich und unvermittelt ein Kommandant zu Wort meldete, der sonst nie was sagt im Chat:

„Wenn du deine Abgabe nicht entrichtest und dem König die Ehre erweist, musst du damit rechnen, dass du genullt wirst.“

Und da war sie plötzlich, diese eisige harte Faust mitten in meinem Bauch. Kalt. Adrenalin. Mein Puls beschleunigte sich. Mein Bauch verkrampfte sich. Meine Gedanken rasten. Entgeistert starte ich auf den Bildschirm. Was hat er gesagt? Hat er mir gerade wirklich mit Exekution gedroht? Mit dem Rauswurf aus der Allianz? Trotz allem, was ich für die Allianz geleistet hatte? Nur weil ich meine freie Meinung geäußert habe? Ich war fassungslos. Ich wollte das alles nicht verlieren. Ich wollte nicht zurück in die Angst. Ich hatte doch soviel investiert. Hart verdientes, reales Geld. Minutenlang dachte ich nach, versuchte zu erfassen, was da gerade passiert ist. In einem verdammten Spiel, dass keine Bedeutung hat. Und dann verstand ich, was vor sich geht. 

Dieses Spiel ist ein perfekter Spiegel unserer Welt, unserer Gesellschaft. Menschen, die viel Geld (Gold) besitzen, haben Macht. Sie sind die Bestimmer. Sie machen die Regeln. Und sie fordern, dass du deinen Teil dazu beiträgst, dass ihre Macht immer grösser wird. Dafür geben sie dir ein bisschen das trügerische Gefühl von Macht. Es ist mehr eine Illusion von Freiheit, von Sicherheit, das Fernbleiben von (Existenz-)Angst. Eine Pseudomacht, die sie dir verleihen, aber auch jederzeit wieder wegnehmen können. Ein falsches Wort, eine unbedachte Entscheidung und du sitzt wieder draussen und hast nichts. Bist schutzlos. Bist machtlos. Wie im Kleinen, so auch im Grossen. Wie ein Schlag ins Gesicht erkannte ich, dass ich blind auf die Verlockungen der Macht reingefallen war. Wie ein Jedi-Schüler hatte ich mich der dunklen Seite der Macht zugewendet. Hatte sie genossen wie ein süsser Tropfen Wein und ohne einen Gedanken zu verschwenden, tausende von Truppen hingerichtet und damit bestimmt dutzenden Spielern dauerhaft den Spass am Spiel genommen. Ich habe diese Noobs ausgelacht, sie verhöhnt und ausgelacht. Und dabei ohne es zu merken dabei meine eigene Identität und Integrität mit Füssen getreten und aufs schändlichste verraten. Der Blick in den Spiegel kam einem Schlag ins Gesicht gleich. Exakt so funktioniert diese Welt. Exakt so ticken Menschen. Und so ticke ich scheinbar auch. 

Während ich über diese bittere Erkenntnis grübelte, bildete ich 1000 minderwertige Truppen aus und schickte sie resigniert gegen den König.

Heute morgen war ich immer noch in der Allianz. 

Und vermied achtsam den Blick in den Spiegel. 

3 Kommentare zu „Die dunkle Seite der Macht

  1. Wie sehr so ein Spiel doch in den Bann ziehen kann …

    Während des Lesens habe ich so an folgendes gedacht: ist das vielleicht nur Abzocke?? Diese Allianz, in welche du gern aufgenommen werden wolltest, sind das vielleicht irgendwelche Personen, welche auch daran verdienen und man so (durch das Zulassen zu dieser Allianz) nur versucht den einzelnen Spieler zu locken und ihn dazu verleitet noch mehr in das Spiel zu investieren?! … Ich muss dazu sagen, ich habe wirklich keine Ahnung von diesen Spielen und wie da was funktioniert, aber der Gedanke kam mir zuerst als ich deine Zeilen las.

    … ich spiele weiterhin Sodoku und ein Spiel, wo man anhand mehrerer Bilder ein Wort ermitteln muss, das reicht mir … 😀

    Ganz viele herzliche Grüße

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