Die „Pille danach“ – eine persönliche Betrachtung

Es gibt ja kaum einen Tag, an dem nicht irgendeine Sau durch das Netz getrieben wird. Heute war es mal wieder soweit: Der geballte Zorn insbesondere der feministischen Netzgemeinde entlud sich gewaltig an einem einzelnen Tweet des MdB Jens Spahn von der CDU. Genauer äußerte er sich zur sogenannten „Pille danach“, ein Hormonpräparat, bestehend aus den Wirkstoffen Levonorgestrel (Präparat: Pidana) oder Ulipristalacetat (Präparat: ellaOne), welches der notfallmässigen postkoitalen Empfängnisverhütung dient. In der Grossen Koalition ist aktuell ein Streit darüber ausgebrochen, ob man die Rezeptpflicht für die Pille danach aufheben soll und somit dann jede Frau in der Lage wäre, sich diese im Notfall in jeder Apotheke ohne vorherige Konsultation eines niedergelassenen Arztes oder des Ärztlichen Notdienstes zu besorgen. Die CDU ist strikt dagegen, die SPD befürwortet diesen Schritt. Mit Entscheidung vom 08.11.2013 hat der Bundesrat der Aufhebung der Rezeptpflicht zugestimmt. 

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Nun kann man über die polemische Äußerung, es seien ja keine Smarties, sicherlich vortrefflich streiten, impliziert diese doch in gewisser Weise, dass Frauen zu zigtausenden jeden Tag in die Apotheken dieser Republik pilgern würden, um sich gleich ganze Vorratspackungen der Pille danach zu besorgen, um dann völlig unreflektiert und bar jeder Eigenverantwortung täglich ungeschützten Geschlechtsverkehr mit ständigen wechselnden Partnern zu haben. Das ist natürlich Blödsinn im Quadrat und das weiß Herr Spahn sicherlich genauso gut wie ich. Zudem sind diese Präparate in 28 anderen europäischen Ländern rezeptfrei erhältlich und man hat allem Anschein nach keine negativen Erfahrungen damit gemacht. 

Kennzeichen von Polemik sind oft scharfe und direkte Äußerungen, teilweise auch persönliche Angriffe. Gelegentliches Ziel ist das Demaskieren eines Opponenten im Glaubens– und Meinungsstreit. Gegebenenfalls bedeutet dies auch die – mehr oder weniger – subtile Beschuldigung des Opponenten, keineswegs jedoch den Verzicht auf sachliche Argumente. (Quelle: Wikipedia)

Schnell formierte sich eine breite Front gegen Herrn Spahn, in der Mehrheit von Frauen angeführt. Unter dem Hashtag #wiesmarties hagelte es Contra, dass es nur so krachte. 

Dabei sparten diverse Protagonistinnen wie @vonhorst oder @FrDingens ebenso wenig mit Polemik und Zynismus, wie Jens Spahn dieses im Vorfeld tat.

Hauptargument: Das Selbstbestimmungsrecht der Frau werde erheblich eingeschränkt. Frauen seien anscheinend zu blöde, Packungsbeilagen zu lesen und mit Nebenwirkungen eines Präparates umzugehen. Und so weiter und so fort. Es steht jedem frei, sich durch gefühlte 3 Millionen Tweets zu dem Thema zu lesen. Ich habe es jedenfalls nicht getan. Viele dieser Tweets sind mehr von Feminismus und weniger von medizinischen Sachargumenten geprägt. Sehr wohl aber habe ich mir Gedanken dazu gemacht, wie ich zu der Rezeptpflicht eines Notfallkontrazeptivums stehe. Und bin rasch zu einem Ergebnis gekommen:

PRO Rezeptpflicht. Ganz klar.

Die Pille danach ist ein wahrer Hormonhammer. Sie greift tief in den weiblichen Hormonzyklus ein und verhindert, das es zu einem Eisprung kommt. Springt kein Ei, kann dieses ergo auch nicht von einem Spermium befruchtet werden. Ferner wird die Beweglichkeit der Spermien eingeschränkt. Levonogestrel verhindert nicht die Einnistung des Eies in die Gebarmutterschleimhaut. Beim Wirkstoff Ulipristalacetat ist diese Wirkkomponente umstritten, es wird vermutet, dass es auch die Einistung verhindert. Zu den genauen Details verweise ich auf die allgemein zugänglichen Einträge bei Wikipedia oder bei den Fachverbänden. Bei beiden Wirkstoffen handelt es sich um wahre Hormonbomben, deren Wirkmechanismus vielschichtig ist und bis ins Detail noch gar nicht erforscht. Studien zu den möglichen Langzeitfolgen einer einmaligen oder gar mehrmaligen Einnahme dieser Präparate existieren erst gar nicht. 

Das Nebenwirkungsprofil wird von den Befürwortern einer Rezeptfreiheit stets verharmlost. Da ist von leichten Symptomen die Rede, abdominelle Beschwerden wie bei der Menstruation, evtl. etwas Übelkeit, aber das sei ja alles harmlos. Andere Medikamente hätten ja ganz andere Nebenwirkungen. Die Frau könne ja wohl noch selber entscheiden, ob sie dieses geringe Risiko tragen will. 

Das ist gelinde gesagt völliger Mumpitz. Eigentlich weiss man so gut wie nix über dieses Präparat. Irgendwie funktioniert es und augenscheinlich wird es auch ganz gut vertragen. Nebenwirkungen werden klein geredet. Befürworter verweisen gerne auf die rezeptfreie Verfügbarkeit in den USA (seit 2013) und in vielen anderen Ländern. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Da werden auch geschlachtete Hühner in Chlor gebadet, ist doch alles nicht so schlimm. Diese ewige Schwarzmalerei. Doch zu den möglichen Folgeschäden der Anwendung wird kein Wort verloren in diesen Diskussionen. Wie reagiert der Hormonhaushalt der Frau auf diese hormonelle Atombombe? Treten langfristige Veränderungen im Hormonzyklus auf? Kommt es zu psychischen Folgeerkrankungen wie Depressionen? Wie sieht es mit möglichen Krebserkrankungen, Ovarial-Karzinom beispielsweise, Jahre später aus? Das alles wird völlig ausgeblendet. Für die Pharmakonzerne ist die Pille danach ein blendendes Geschäft. Der Rubel rollt, seitdem die Präparate in den meisten Ländern rezeptfrei erhältlich sind. Wo sind plötzlich all die Gegner der gierigen Pharmaindustrie? 

All den kämpfenden und streitenden Feministinnen dieser Republik möchte ich eines ganz klar sagen: Jede Frau hat das Recht auf die Pille danach. Sie muss jederzeit und problemlos an jedem Ort in Deutschland frei verfügbar sein. Es muss unkompliziert sein, sie zu erhalten. Die Pille danach muss ein einforderbares Recht sein, sie darf nicht verweigert werden. Das steht außer Diskussion. Aber die Anwendung dieses hochkomplexen und potentiell gefährlichen Präparates muss fachmedizinisch begleitet werden. Frauen, die diese Pille anwenden, müssen einen ständigen medizinischen Ansprechpartner haben. Da recht eine pharmazeutische Ausbildung, wie sie ein Apotheker hat, nicht aus. Und, das ist meine ganz spezielle Meinung, sie sollten im Idealfall auch psychologisch betreut werden. Zumindest sollte ihnen diese Option angeboten und nahe gelegt werden. Denn aus eigener indirekter Erfahrung weiss ich, dass die psychische Belastung für die betroffene Frau erheblich sein kann. Einzelne Betroffene berichten sogar über jahrelange Symptome wie depressive Verstimmungen, Gereiztheit bis hin zu ausgewachsenen Depressionen. Es ist sicherlich fatal, die betroffenen Frauen mit der Anwendung der Pille danach völlig alleine zu lassen, selbst wenn sie das vielleicht wünschen. Hier ist der Gesetzgeber gefordert für die geeigneten Rahmenbedingungen zu sorgen, um den Frauen eine möglichst sichere Anwendung zu gewährleisten, ohne ihre Autonomie zu sehr einzuengen. Ich denke hier an die Einrichtung stattlicher Beratungsstellen, die rund um die Uhr erreichbar sind. Ich denke an spezielle Schulungen für Hausärzte und Gynäkologen sowie für am ärztlichen Notdienst tätige KollegenInnen. Ich denke an die Einrichtung von Präparatdepots in Notaufnahmen oder gynäkologischen Krankenhausabteilungen. Ich denke an intensivierte stattliche Förderung von unabhängigen klinischen Forschungsprojekten, um mögliche Langzeitfolgen zu detektieren. Es gibt sicherlich noch viele mögliche Wege, um die Anwendung so sicher und komfortabel wie möglich zu machen. Und allesamt besser, als das Präparat einfach rezeptfrei auf den Markt zu werfen. Das nützt im Endeffekt nur der Pharmaindustrie und nicht der emanzipierten aufgeklärten Frau. 

 

 

 

6 Kommentare zu „Die „Pille danach“ – eine persönliche Betrachtung

  1. Was ich bei der Diskussion immer wieder feststelle ist, dass es eigentlich gar nicht um Rezept oder nicht geht, sondern darum, wie die betroffenen Frauen behandelt werden, wenn sie sich z.B. im Krankenhaus so ein Rezept beschaffen.

  2. Eigentlich bin ich (fast) Ihrer Ansicht. Schade finde ich jedoch 2 Punkte:
    1) Den Apothekern dieses Lands wird immer wieder so ziemlich jegliche Kompetenz abgesprochen. Und die wenigsten Ärzte freuen sich auf bzw. über eine Zusammenarbeit mit den Apotheken. Eher ist der rückfragende Apotheker scheibar oft ein „Störfaktor im Betriebsablauf“. Hinweise auf technische oder auch fachliche Probleme bei einer Verschreibung führen leider oft – insbesondere bei Klinik-Ärzten – zumindest zu Verstimmungen, sofern sie nicht einfach komplett ignoriert werden. Dabei wird für – insbesondere technische – Verschreibungsfehler durch den Arzt die Apotheke im Zweifelsfall mittels Null-Reatx finanziell haftbar gemacht und so bestraft. Noch dramatischer können sich für die Apotheke (technische) Verschreibungsfehler bei BtM- und T-Rezepten auswirken. Lange und leider fruchtlose Diskussionen mit verschiedenen verschreibenden Ärzten – auch unter Angabe betreffender §§ – haben mich in dieser Hinsicht sehr ernüchtert. Daraus folgt unmittelbar
    2) Die Kompetenz der Apotheker wird von Ärzten einfach nicht genutzt. Das finde ich sehr schade. Hieraus resultiert auch indirekt die Abstemplung und „Versklavung“ der Apotheker durch Politik und Krankenkassen zu „Abgabe- und Austausch-Automaten“, gegen die die Ärzte leider nie Stellung bezogen haben. Hierbei ist aber auch zu berücksichtigen, um wieder zum obigen Thema zurückzuschwenken, dass in anderen Ländern, in denen die Pidana „rezeptfrei“ zu erhalten ist, zum Teil ein umfassender Frage- und Beratungsbogen abgearbeitet werden muss durch die abgebende Apotheke mit der Frau (persönlich), die die Pidana einnehmen will. (Siehe Schweiz. Auf „pharmama.ch“ findet man mehr Infos dazu.) Leider ist so ein Verfahren nirgens im Deutschen Gesetz vorgesehen, es gibt nur die Unterscheidung „verschreibungspflichtig“ (=nur mit Rezept) oder „apothekenpflichtig“ (=auch ohne Rezept). Eine Arzneimittelkategorie „verschreibungspflichtig, aber unter besonderen Umständen ohne Rezept belieferbar“ ist aktuell und wohl auch in Zukunft in Deutschland nicht vorgesehen. Dies finde ich sehr schade, denn es könnte viele Probleme im deutschen Gesundheitswesen dramatisch vereinfachen. Und es könnte auch die Zusammenarbeit von Ärzten und Apothekern unterstützen – so denn beide Seiten die Chance auch erkennen und ergreifen würden.

    Kleine Anmerkung noch: stattliche Beratungsstellen und stattliche Förderung für Forschung würde ich mir auch wünschen, gemeint ist aber sicher jeweils staatliche. Warum jedoch (mal wieder) die Pidana an den Apotheken vorbei geliefert werden soll, erschließt sich mir nicht ganz. Ein deutschlandweiter 24/7-Apothekennotdienst mit (leidlich) kurzen Wegen ist vorhanden und kann wohl auch genutzt werden. Wenn man denn will.

  3. Warum extra schulungen für gynäkologen, die die präparate sowieso seit jahren verschreiben und sich permanent mit hormonen/verhütung auseinandersetzen? Der regulär aufgesuchte frauenarzt ist/sollte auch immer der ansprechpartner – gerade auch für psychologische fragen sein. Das gehört bereits fest zur ausbildung; zudem gibt es organisationen wie z.b. profamilia, die wirklich tolle arbeit auf dem gebiet machen.
    In vielen gebieten in d gibt es christliche krankenhäuser, die die verschreibung ablehnen. freitag abend bis montag früh gibts also kein rezept… und auch im sonstigen notfalldienst – nach 4h warten 5 min beratungsgespräch mit einem fremden arzt zwischen 20 anderen notfällen.
    Zudem ist die direkte abgabe von medikamenten durch ärzte in d nicht vorgesehen.
    Nur so aus der praxis.

  4. Wenn selbst die Experten nicht genau einschätzen können welche Nebenwirkungen die Pille danach möglicherweise (!) haben könnte, sie aber gut zu wirken scheint und erhebliche Nebenwirkungen soweit nicht festgestellt werden konnten oder eine seltene Erscheinung sind, welchen Vorteil hat es dann einen Arzt aufsuchen zu müssen, der einem letztlich auch nichts konkreteres dazu sagen kann aber die Zeit bis zur Einnahme in die Länge zieht?

    Und die Folge keiner oder einer zu späten Einnahme kann immerhin eine Schwangerschaft sein. Das Argument mit der Fürsorge gegenüber der psychischen und physischen Gesundheit der Frau erscheint mir insgesamt etwas dünn, um damit pro Rezeptpflicht zu plädieren. Wenn man entsprechende Beschwerden bei sich bemerkt, kann man immer noch den jeweiligen Facharzt konsultieren.

    Um den Hormonhaushalt würde ich mir persönlich mehr Gedanken bei der „Pille davor“ machen, die bereitwillig an Teenager verschrieben wird mit mehr oder weniger sorgfältiger Aufklärung über etwaige Nebenwirkungen, sodass einige niemals einen eigenen Menstruationszyklus gehabt haben in ihrem Leben.

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